Franz Kafka

The Castle: A New Translation, Based on the Restored Text

Undefined. Schocken Books, 328 Seiten. ISBN: 074939952X

Kafka in New York
Franz  Kafka: The Castle: A New Translation, Based on the Restored Text

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Paul Auster, Susan Sontag und andere Vertreter der Intelligenzija der Neuen Welt luden ein zu einem Evening of Kafka...

NEW YORK. Wenn sich vor der Town Hall/Manhattan, mitten im Theater-Distrikt des Times Square, Regisseure, Schauspieler, Medienvolk und Touristen aus New Jersey einfinden, dann geht es um leichte Unterhaltung, vielleicht ein neues Musical, ganz klar. Sagt man sich, als Europäer, der die überlangen Stretch-Limos mit den Bumerang-Antennen auf den Kofferraumdeckeln betrachtet, die Großstädter in ihren schwarzen Roben. Aber: weit gefehlt. Die ticket touts, die Eintrittskarten zum dreifachen Preis und ohne Worte verhökern, haben heute abend weder auf Cats noch Phantom of the Opera gesetzt; anläßlich einer neuen Übersetzung von Franz Kafkas Das Schloß findet in der Town Hall ein Symposium statt - Metamorphosis: A New Kafka. Vor ausverkauftem Haus, also um die 3000 Leuten. Die Regie von Tom Palumbo sorgt dafür, daß es nicht allzu wissenschaftlich wird, die Intelligenzija Manhattans, daß sich die Veranstaltung nicht hinter den jährlichen Kongressen der Kafka Society of America zu verstecken braucht.

Statt umständlichen, verschulten Monologen gibt es eine kurze Einleitung David Remnicks: "Bis vor kurzem hätte ich mir nie geträumt, jemals im gleißenden Scheinwerferlicht auf die Bühne der Town Hall zu treten und zu sagen: Hello New York, welcome to an evening of Franz Kafka!" Im Big Apple, und vielleicht nur dort, darf man von so einem Intro direkt weitergeben an den ersten Gast - Aharon Appelfeld, der sich in ganz anderem Tonfall, mit hebräischem Akzent über Judentum und das Café Europa in Jerusalem ausläßt. Franz Kafka war ja nicht nur Jude im verkehrten Jahrhundert, er war auch deutschsprechender Jude in Prag, ein Außenseiter unter Außenseitern; einer, dem bei allem Leid, das er durchlebte, aber immerhin das dunkelste Kapitel dieses Jahrhunderts erspart blieb.

Nach dem Appell des Holocaust-Überlebenden Appelfeld, die Vergangenheit nicht zu vergessen, überrascht David Foster Wallace mit einem wesentlich lockereren, man ist geneigt zu sagen 'amerikanischeren' Ton. Wie ja fast jeder Hochschullehrer der Neuen Welt beginnt er mit einem Witz: "Ach, was wird die Welt doch immer kleiner und kleiner, sprach die Maus, während sie bereits den Atem der hinter ihr hereilenden Katze im Nacken spürte." Die Unmöglichkeit, Kafkas Humor, diese Kombination aus Tragik und Ironie, der MTV-Generation näherzubringen, paßt das wie die Maus ins Maul der Katze. Zumindest hier und heute scheint sich Wallace selbst zu widerlegen: Der ordentliche Anteil Highschool-Studenten begeistert sich für seinen Vortrag ebenso wie die Intellektuellen Manhattans.

Nicht ganz so frontal witzig geht es E.L. Doctorow in seiner Hommage an ‘Amerika' an. Da Kafka das verheißene Land fremd war, recherchierte er eifrig, klärt Doctorow die mit allen Wassern gewaschenen Großstädter auf. Dem Resultat, dem Auftakt in der Trilogie der Einsamkeit, zwinkert der für Weltausstellung vor zwölf Jahren mit dem National Book Award ausgezeichnete Doctorow, merkt man es an: Die Freiheitsstatue begrüßt den Protagonisten mit erhobenem "Schwert". Lachen im Auditorium, über die Einsamkeit zwischen Menschenmassen müssen Manhattans Einwohner nicht aufgeklärt werden, ein Schwert statt der erleuchtenden Fackel zur Begrüßung - darüber kann man sich in Manhattan amüsieren. Wie, fragt sich da mancher im Abendland, wie können die Amis nur unseren Kafka so abfeiern und verlachen? 'Unser' Kafka, das wird im Laufe dieses Abends immer wieder betont, hätte die Deutschen nicht überlebt, wäre er nicht schon neun Jahre vor Hitlers Machtübernahme an Kehlkopftuberkulose gestorben.

Einigen der Studenten, die bei Wallace noch begeistert auf jeden folgenden Satz warten, ist der zurückhaltende wie kluge Humor Doctorows jedoch etwas zu trocken. Der mit tosendem Applaus empfangene Christopher Plummer soll für Abwechslung sorgen. Jetzt darf wieder mehr und lauter gelacht werden. Kein wirklich Ami, sondern ein englischer, derzeit am Broadway gefeierter Schauspieler, rezitiert er Vladimir Nabokov aus Lectures On Literature. Theatralisch schlüpft er in die Rolle Nabokovs, dieses von Rußland Exilierten, über Großbritannien, Berlin, dann Paris schließlich 1940 in New York tatsächlich Ankommenden. Wie vor dem Rednerpult an der Cornell University schwelgt er in Erinnerungen an eine Begegnung mit K., bei der er sich nicht traute, diesen zerbrechlich wirkenden Menschen anzusprechen - auch weil er nicht wußte, ob es denn nun Kafka sein könnte. Der seit Barrymore von der Broadway-Bohème wie ein verlorener Sohn geliebte Plummer präsentiert das ganz im Tonfall des aus Osteuropa Emigrierten in der Neuen Welt, inklusive russisch-rollenden Betonungen und hart-deutschem Akzent.

Dieser Explosion an Witz und Drama kann nichts draufgesetzt werden, weshalb sich vor und während der folgenden - ebenso um die zehn Minuten kurzen Vorträge - die Reihen lichten. Cynthia Ozick wählt den trotzdem einzig richtigen Weg: auf das Inhaltliche konzentriert, verweist sie auf Kafkas Verhältnis zu seinen Schwestern Valli, Elli und Ottla, die allesamt von den Nazis ermordet wurden, ebenso wie auf den seltsamen Fehler von Stilgecken, das Adjektiv 'kafkaesk' für all das zu verwenden, was diesem durch und durch ordentlichen Menschen zuwider war; diesem Menschen, der allerdings nur von einem besessen war, und das nicht nur, wenn er vom Dienst bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt nach Hause kam: nämlich einer totalen Hingabe zur Literatur. Das Kafkabild, das die New Yorker vermitteln, das wird spätestens hier deutlich, könnte ein breiteres Spektrum kaum abdecken. Kafka, der in Prag deutsch sprechende und schreibende Jude, der (wie schon Martin Buber dem Philosophen Hans Jonas anvertraute) "unglücklichste aller Menschen", dieser von zunehmender Entfremdung und Maschinisierung der Welt Verstörte, dieser in seiner Tragik unnahbar wie charismatische Pionier der Moderne, der sich um des Schreibens willen hinabbegab "zu den dunklen Mächten, [...] von denen man oben nichts mehr weiß, wenn man im Sonnenlicht Geschichten schreibt".

In diesem Kaleidoskop der unterschiedlichen Perspektiven geht Paul Auster fast unter. Wie eine Meditation präsentiert er seinen vor über zwanzig Jahren veröffentlichten Essay Pages for Kafka - und merkt beim Lesen vermutlich selbst, daß er sich als offenkundig von Kafka beeinflußter Autor, als Romancier, dessen Romane wiederholt als "kafkaesk"; bezeichnet werden, von Fingerübungen dieser Art inzwischen eigentlich freigeschwommen hat.

Susan Sontag, mit ihrer Essaysammlung Kunst und Antikunst Anfang der Sechziger sicher stilprägend und wichtig, unter Manhattans Intellektuellen seither vor allem als Kolumnistin bekannt und bei sich selbst beliebt, sind Zweifel dieser Art nicht anzumerken. Immerhin: Statt einen ihrer vielen Artikel, in denen sie auf Kafka verwies, vom Speicher hervorzustöbern und zu entstauben, entschied sie sich, vier in Tagebüchern skizzierte Romananfänge vorzulesen. Über die Erziehung. Neben dem Vater und Autoritäten allgemein etwas, das Kafka mit einer Leidenschaft verabscheute, daß es Dostojewski Spaß gemacht hätte - und Hesse nur nicken konnte. Das Publikum hat seine Freude, auch der Wiederholungen wegen. So sehr Kafka im Kreise seiner Bekannten lachen mußte, wenn er seine Gleichungen über die Aussichtslosigkeit der menschlichen Existenz vorlas, so nährte sich der Witz Kafkas, genauso wie die Verzweiflung der Maus, deren Welt immer kleiner wird, allerdings nicht von diesem primitivsten aller Stilmittel: der Wiederholung.

Zum Abschluß des Abends, nach dem man außer einer wiedererwachten Lust, Kafka zu lesen, vor allem einen Eindruck mitnimmt, nämlich, daß eine Veranstaltung dieser Art aufgrund der Museumsmentalität der deutschen Kultur-Manufaktur kaum möglich wäre, liest Mark Harman das erste Kapitel seiner neuen Übersetzung von Das Schloß. Immer noch ein Stück Literatur, bei dem man sich fragt, zu welchen Ergebnissen zwei Tage zuvor wohl die Gäste bei "A Kafka for the 21st Century" im Czech Center/New York gekommen sind.

© Matthias Penzel, 2004. Original erschien dieser Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 15.04.1998






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