Pascal Fouché; Jean Albert Dichy

Jean Genet / Versuch einer Chronologie 1910-1944

Undefined. Merlin, Gifkendorf. ISBN: 3-926-11267-0

Pascal  Fouché; Jean  Albert Dichy: Jean Genet / Versuch einer Chronologie 1910-1944

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Albert Dichy/Pascal Fouché

Jean Genet / Versuch einer Chronologie 1910-1944 

Gifkendorf, Merlin Verlag,1993, ISBN 3-926112-22-0

Seinem Wunsch gemäss wurde der französische Schriftsteller Jean Genet (*1910 Paris) 1986 in Larache, Marokko, beerdigt, auf einem ehemaligen christlich spanischen Friedhof. Der Blick streicht von seinem Grab aus über ein Bordell und das alte spanische Gefängnis, „zwei Hauptpfeiler von Genets Vorstellungswelt“, wie Edmund White in seiner Genet-Biographie bemerkt. Diese beiden „Hauptpfeiler“ gelten bereits für Genets Romanerstling Notre-Dame-des-Fleurs. 1941/42 schrieb er ihn, vorwiegend im Gefängnis von Fresnes, Paris, wo er eine Strafe wegen wiederholten Diebstahls absass. Genet erzählt darin die Lebensgeschichte des homosexuellen Prostituierten Louis Culafroy alias Divine. Das Schreiben entspringt der Klage um Divines Tod: „Da Divine gestorben ist, darf der Dichter sie besingen, ihre Legende erzählen, die Saga, die Mär von Divine.“ Dabei transzendiert der Gefangene nicht nur Divines und sein eigenes Geschlecht, sondern auch seine eigene Situation, die Gefangenschaft, wenn er in wild erigierenden Assoziationsströmen und poetisch dichten Reflexionen Divines Leidenschaft für Notre-Dame-des-Fleurs, einen sechzehnjährigen Triebtäter und Mörder, schildert: „Ich erfülle meine Zelle mit der Wollust, der zu sein, der ich wegen einer Kleinigkeit nicht sein konnte, und finde die Augenblicke wieder – indem ich mich in sie hineinstürze wie in schwarze Löcher – als ich mich verirrte in den komplizierten Schlingen eines unterirdischen Himmels. Langsam verschiebe ich faulige Luftmassen, schneide Fäden durch, an denen Gefühle wie Blumenbukette hängen, und sehe aus irgendeinem Fluss voller Sterne vielleicht den Zigeuner auftauchen, den ich suche, durchnässt, mit Mooshaar, Geige spielend, von der scharlachroten Samtportiere eines Nachtkabaretts diabolisch fortgezaubert.“ Genets Verzauberung seiner Zelle, sein Roman, endet mit Divines Tod und spannt damit den Bogen zurück zu seinem Ursprung: „Ein unendlicher, körperlicher Friede entspannte Divine; die Ausscheidungen, eine fast flüssige Scheisse, breiteten sich unter ihr aus zu einem kleinen, lauwarmen See, worin sie sanft, ganz sanft (..) ertrank, und in ihrer Erleichterung stiess sie einen Seufzer aus, der ihren Mund mit Blut füllte, und noch einen anderen Seufzer, den letzten.“ Es war weniger der Gegenstand der Darstellung, der die Wellen um die Prozesse gegen Genets Roman in Frankreich und in Deutschland hochschlagen liess, als vielmehr dessen restlose Poetisierung, Genets bestechende Ästhetisierung des Verworfenen. Sie machte den Skandal um das schliesslich stets freigesprochene Buch auch in akademischen Kreisen diskutierbar – und macht es, ohne moralische Hochrüstung, wieder. Denn mit der neuen Werkausgabe in Einzelbänden, die das engagierte Verlagshaus Merlin seit dem Herbst 1998 ediert, liegt Notre-Dame-des-Fleurs erstmals ungekürzt vor, vollumfänglich ergänzt durch die Passagen, die Genet und/oder Gallimard für die Ausgabe von 1951 in der Erstausgabe gestrichen hatten; diese Erstausgabe war 1944 in 350 Exemplaren und 1948 wiederum in einem streng limitierten Nachdruck nur für kurze Zeit in den Handel gelangt. Einen Gewinn also stellt die neue Merlin-Ausgabe auf jeden Fall dar. Sie macht die stilistische Läuterung, welche die Erstausgabe bei ihrer Überarbeitung durchlief, sichtbar: als stutze der Gärtner sanft das ins Kraut geschossene Boskett, als mildere der gereifte Schriftsteller die asianische Fülle des jugendlichen Werks dort ins Bestimmte, Deutliche, Herbe, hier in die Abwesenheit, die blosse Andeutung. Um dem Bilderfluss des französischen Orignals in der Zielsprache noch gerechter zu werden, hat Gerhard Hock seine Erstübersetzung rund 40 Jahre nach ihrem Erscheinen noch einmal weitgehend überarbeitet. Die hohe Lesbarkeit von Hocks Übersetzung bezeugt die unerhörte Fluidität von Genets literarischen Bildern auch im fremden Idiom. Zudem bereichert den Band Armin Huttenlochers Nachwort zur bewegten „Entstehungs-, Editions- und Rezeptionsgeschichte“ des Romans. Für den Herbst 1999 sind als Bände II und III von Genets Werkedition die Romane Miracle de la Rose und Das Totenfest angekündigt; ebenso ist beim Merlin-Verlag, dem Genet bereits eine langjährige, treue Suite von deutschen Ausgaben und Studien verdankt, der zweite Band von Albert Dichys und Pascal Fouchés Genet-Biographie in Arbeit.

Florian Vetsch






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