Jon Fosse

Morgen und Abend

Roman. Alexander Fest Verlag, 118 Seiten. 29.90 DM . ISBN: 3-828-60113-8

Jon  Fosse: Morgen und Abend

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Jon Fosse, den Namen kennt der Theaterfan. Und verbindet damit einen Norweger, der mit seinen kargen, existentialistischen und an Beckett erinnernden Stücken bei uns viel Erfolg hat und hatte. Doch Fosse ist auch ein begnadeter Romanautor. "Morgen und Abend" heißt sein neuer Band.


Es ist ein schmales Buch, das man da in der Hand hält und das sich Roman nennt und bei einem schmalen Buch mit dem Etikett "Roman" hat man schnell einen Verdacht: Es könnte ein Bluff sein, wo einem wieder mal eine längere (bestenfalls) Erzählung als Roman untergeschoben wird. Oder (möglich wäre es ja) es ist tatsächlich ein Roman, der er es eben vermag konzentriert und gebündelt und mit nur so vielen Seiten wie unbedingt notwendig eine Welt zu schaffen, in der man die eigene Gegenwart vergisst. Und man fängt an zu lesen und stutzt zugleich. Denn es liegt eine ganz merkwürdige Müdigkeit über den Sätzen. Ein Schleier, der sich nicht heben will und der in einem unerklärbarem Gegensatz zu der hoch präzisen Wortwahl steht (keine Floskeln, keine Ausflüchte, kein Füllmaterial, nichts). So wie auch der Titel einfach wie rätselhaft zugleich ist: "Morgen und Abend".
Satz folgt auf Satz, in sich steigerndem Tempo; zuweilen ohne Punkt gebannt, ohne Kommata geordnet gleiten die Sätze daher; manchmal geht das einige Seiten lang so. Ein rhythmischer Wörtergesang, keinesfalls aus dem Gequirl unserer Alltagssprache geklaubt, sondern hoch artifiziell wie ins Papier gestickt. Und dazu passt das Tempo des Geschehens: Immer wieder stehen Menschen auf, wollen etwas tun, doch sie tun es nicht, sie setzen sich wieder und erzählen sich selbst über das Aufstehen und über das, was sie tun wollten, weshalb sie ja aufgestanden sind, eben noch.

Das macht einen als Leser anfangs unruhig. Wo steckt denn jetzt die Handlung? Das kann doch nicht alles sein! Da muss doch jetzt was passieren!! Doch es passiert nichts, jedenfalls nichts im Sinne einer gängigen Handlung, mit Ortswechseln, einem Ensemble aus Haupt- und Nebenpersonen, einer Heerschar von Statisten und sie reihen sich ein in Verfolgungsjagden, Ehedramen, Beischlafszenen, Glaubenskriegen, was auch immer. Wie in seinen Theaterstücken stellt der Norweger Jon Fosse auch in diesem Roman seine Helden wie auf eine Bühne, beleuchtet sie sparsam und verlangt nichts anderes, als dass man ihnen zu hört, wie sie da reden und sich dazu gesetzt bewegen. Noch ziert man sich, sucht Haltepunkte, um zu verstehen, worauf das Ganze hinaus laufen soll. Will es noch hinauszögern und sich die Möglichkeit offen halten, das Buch wieder zu zu klappen. Doch man hat schon weitergelesen, die Wörter wirken, der Widerstand erlahmt. Es ist ein bisschen wie bei einer noch nicht vollständig ins Rollen gekommenen Grippe: Erst wenn man die Zügel schleifen lässt, Termine absagt, Verabredungen verschiebt, sich niederlegt und spürt, wie die Körpertemperatur steigt und steigt, erst dann ahnt man es erst und weiß es später genau, dass nun nach und nach die Erschöpfung und die Ruhe und damit auch die Erholung und letztlich die Heilung kommt. Fosse ist so ein Doktor der Literatur, der einen krankschreibt, damit man zu sich findet. Seltsam delierend folgt man alsbald seinen Sätzen und in dem man den Sätzen folgt, nimmt man teil an den Erlebnissen der Helden und dem, was sie bewegt.

Dabei ist Fosse - der Theatermann - durchaus listig! Allein, wie er diesen Roman eröffnet: Da steht ein Mann einer Hebamme im Weg, die heißes Wasser machen will, das sie für ihre Geburtshilfe braucht; irgendwo an der norwegischen Küste, in den früheren Tagen unseres Jahrhunderts. Und mittendrin dieser Mann, der immer wieder von seiner Angst erzählt, dass etwas bei der Geburt schief gehen könnte und er das Kind oder seine Frau oder seine Frau und das Kind verlieren würde. Immer wieder erzählt er sich von dieser Angst und er redet Gott an, der ihm sicher helfen wird, der ihm gar nicht helfen kann, der ihn sicher erretten wird aus allem Schlimmen (wenn er es denn vermag) und dass das Kind Johannes heißen soll, wie schon des Mannes Vater. Dann beruhigt er sich wieder, findet Halt bei der Hebamme, die geduldig auf ihn einredet. Denn was soll schon passieren? Und wenn nun doch etwas passiert? Diesem Kind, das Johannes heißen soll und mit dem sie beide gar nicht mehr gerechnet haben, nach all den Jahren, er am aller wenigsten.

Alles geht gut, das Kind ist da, es wird Johannes heißen und der Mann rudert die Hebamme über die Bucht zurück in ihr Heim. Doch der Stachel ist gesetzt. Da kommt noch etwas auf uns zu. Das bleibt nicht so stehen!

Im zweiten Teil - dem Abend - ist das Kind ein alter Mann. Viel Zeit ist also vergangen, elektrische Geräte stehen in der Küche und die Boote haben Motoren. Doch etwas ist nicht in Ordnung. Der Mann fühlt sich so leicht, so kraftvoll, wie schon seit Jahren nicht mehr. Nein! Er fühlt sich müde, kraftlos, steif und alt. Zu alt, um vor die Tür zu treten und er tritt dann doch vor die Tür und nun spürt er, wie sicher er in den Beinen ist und kein Schritt schmerzt mehr. Er wird jetzt runter zum Hafen gehen. Vielleicht wird er sogar angeln! Vom Boot aus! Warum soll er nicht angeln, er, der sich seit Jahren nicht mehr richtig aufs Meer hinaus getraut hat. Und er geht in Richtung des Hafens und er begegnet Menschen, den Menschen, die ihm so wichtig waren: Peter, seinem besten Freund, der ihm einmal das Leben rettete und der doch vor ihm gegangen ist; und er trifft Erna, seine Frau, die eines Morgens nicht mehr aufstand und da ist sie und sie hat ihm Kaffee gekocht. Nur ihre Hände fühlen sich so kalt an und als er sich nach ihr umdreht, das ist sie weg, da ist sie wieder da. Und die Zeiten überschlagen sich und die Menschen gehen durch einander hindurch und Johannes schaut und spricht zu sich und den anderen, und es spricht aus ihm und es hört nicht auf, bis der letzte, bis auch der allerletzte Satz gesprochen ist.

Textauszug:
"Noch mehr heißes Wasser, Olai, sagt die alte Hebamme Anna
Steh nicht in der Küchentür rum Mensch, sagt sie
Nein nein, sagt Olai
und er spürt die Wärme und eine Kälte sich überall auf seiner Haut ausbreiten, und er bekommt Gänsehaut und ein Glücksgefühl durchfährt ihn du steigt ihm als tränen in die Augen und er geht schnell zum Herd und schöpft dampfend heißes Wasser in eine Schüssel, ja heißes Wasser sollst du haben, denkt Olai und er schöpft noch mehr heißes Wasser in die Schüssel und er hört die Hebamme Anna sagen jetzt ist es sicher genug, ja jetzt reicht es, sagt sie und Olai schaut auf und da steht die alte Anna neben ihm und nimmt die Schüssel
Ich trag sie selber rein ja, sagt die Hebamme Anna"

 






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