Ken Follett

Mitternachtsfalken

Roman. Bastei Lübbe, ISBN: 3785721242

Spionage und Kollaboration in Dänemark
Ken  Follett: Mitternachtsfalken

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"Mitternachtsfalken" spielt, wie schon Ken Follett's Debütroman, "Die Nadel", und sein direkter Vorgänger, "Die Leopardin", während des 2. Weltkriegs: Diesmal im nazibesetzten Dänemark des Jahres 1941.

Im Mittelpunkt steht "Freya", ein neuartiges deutsches Radargerät an der Küste Dänemarks. Es fügt dem britischen Bomberkommando schwere Verluste zu, in einer Zeit, in der Rommel in Afrika triumphiert und die politische Stimmung in England angesichts der bisher alle Erwartungen übertreffenden Erfolge der Wehrmacht bei der Invasion Russlands von Furcht geprägt ist. Stalin fordert von Churchill, die Luftangriffe auf Deutschland zu verstärken. Doch ohne nähere Kenntnisse, wie die deutsche Luftraumüberwachung funktioniert, fürchtet man eine Niederlage und faktische Zerstörung der Bomberflotte…

… die MITTERNACHTSFALKEN, eine dänische Widerstandsorganisation, können Informationen über "Freya" sammeln. Sie werden jedoch von ihren Landsleuten, der dänischen Staatspolizei und der Gestapo verfolgt, und viele müssen mit ihrem Leben bezahlen. Nur dem Mut des Oberschülers Harald Olufsen, der mit einer alten Hornet Moth den Flug nach England wagt, ist es zu verdanken, dass man wirksame Taktiken gegen das System der deutschen Luftraumüberwachung entwickeln kann.


Standen sich in der "Leopardin" noch eine britisch-französische Agentin und ein Nazimajor gegenüber, nimmt sich hier Follett der Thematik anders an: Die Widerstandsbewegung muss gegen ihre eigenen Landsleute kämpfen. Dabei überzeugt vor allem das Bild, das er von den verschiedenen beteiligten Charakteren zeichnet. Vom Opportunisten, der nur auf den eigenen Vorteil aus ist, einem Parlamentsangehörigen, der sich widerstandslos der Besatzung beugt, einem überzeugten dänischen Nazi, bis hin zu Polizeikollegen, die in ihren Ansichten nicht unterschiedlicher sein könnten, reicht das Spektrum.

Polizeichef Juel kooperiert mit den Nazis, er ist jedoch kein gedankenloser Sheriff wie sein Untergebener Peter Flemming, ein kleinbürgerlicher Geist, der, ohne sich weiter den Kopf zu zerbrechen, Gesetz und Ordnung rigoros durchsetzt, das konsequent harte Vorgehen der Nazis gegenüber Verbrechern sogar als vorbildlich empfindet. Leider übersieht er, dass seine Aktionen letzten Endes seinen Mitbürgern viel Leid bescheren. So gibt er im Verlauf seiner Ermittlungen gegen den Widerstand eine Liste der jüdischen Gemeinde Kopenhagens an Oberst Braun weiter; obwohl nur eine bestimmte Person, die er bereits kennt, vermutlich Kontakte zum Widerstand hat, ignoriert er, dass er mit seiner Tat mittelfristig alle damit an die Nazis ausgeliefert hat. Da in Dänemark bisher keine großangelegten Aktionen gegen Juden stattfanden und es ihn auch nicht interessiert, was mit den Juden in Deutschland geschehen ist, macht er sich im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen darüber auch keine weiteren Gedanken.

Flemming wurde zu dem gemacht, was er ist: Ein reicher Student verursachte einen Autounfall, der seine Frau Inge in ein sabberndes Wrack verwandelt hat. Er kümmert sich stets pflichtgetreu um sie, weigert sich vorerst sie in ein Heim zu geben. Gute Anwälte schaffen es, den Prozess lange hinauszuzögern und dem Schuldigen eine lächerlich milde Strafe aufzubrummen. Neben seiner Wut auf die Justiz verachtet er auch alle höher gebildeten Schulabgänger der Jansborg-Schule, die sich seiner Meinung nach gegenseitig Posten zuschieben; so glaubt er auch, nur aus diesem Grund Juel als Vorgesetzten zu haben.

Nun herrscht zwischen der Familie Flemming und der Familie des streng katholischen Pfarrers Olufsen schon lange Hass, den Pastor Olufsen verschuldet hat. Besonders tragisch ist, dass Flemming erst als er Harald Olufsen, den jüngsten Sohn der Familie, wegen einer nazifeindlichen Wandschmiererei von der Schule verweisen lassen will, rein um dem alten Olufsen eins auszuwischen, auf die Spur der Mitternachtsfalken gebracht wird…

In Follett's komplexem Beziehungsgewirr ist Harald der Entdecker der geheimen Radaranlage, er bringt eine Zeichnung dieser Anlage dem zum Widerstand gehörenden Poul Kirke, der Pilot der dänischen Luftstreitkräfte ist – denen auch Haralds großer Bruder Arne angehört. Dessen Verlobte Hermia leitet von England aus die dänische Gruppe "Mitternachtsfalken". Arne und Harald gehören dieser nicht an, besonders da Arne vom Gemüt und seiner Art her von ihr als nicht geeignet eingestuft wurde. Als Poul Kirke enttarnt wird und bei einem Fluchtversuch stirbt, liegt es an Harald und Arne, nun für den Widerstand die Informationen nach England zu bringen.

Dummerweise geraten sie dabei an ihren speziellen Freund Flemming… und erhalten Unterstützung von unerwarteter Seite, manche sich passiv verhaltenden Person wie Schuldirektor Heis helfen schließlich heimlich, auch Vater Olufsen muss über seinen eigenen Schatten springen, um seine Söhne zu retten. Doch auch Verräter werden ihnen zusetzen, und der raffinierte Flemming wird es schaffen, sich als vermeintlicher Widerständler von der entsetzen Freundin Haralds den Aufenthaltsort Arnes geben zu lassen.


Näher gehe ich jetzt nicht auf die Geschichte ein – Konfliktstoff ist gegeben, insbesondere alle Arten und Formen der Kollaboration mit den Nazis werden sehr stark thematisiert. Nebenher sind alle Charaktere sehr differenziert ausgearbeitet, die Beziehungsgeflechte interessant und vielschichtig. Besonders die Pärchen Harald-Karen, Arne-Hermia und schließlich das unheilige Gespann Peter Flemming und seine kommunikationsunfähige, schwer behinderte Ehefrau Inge sowie ihre Rivalin, die schicke Tilde Jespersen, eine Arbeitskollegin Flemmings, wissen zu gefallen. Besonders interessant ist, wie Flemming und Jespersen sich näher kommen und er schließlich vor den Augen seiner hilflosen Frau mit ihr Ehebruch begeht nach langer Treue, sie ihn aber dennoch schließlich zurückweist, nachdem ihr sein sadistisches und von Hass getriebenes Verlangen nach "Gerechtigkeit" immer mehr offenbar wird.

Das nur als Beispiel; die Hauptfigur Harald wird ebenso detailliert dargestellt. Der Roman glänzt zudem mit seiner gründlichen Recherche: Freilich hat Follett bei der Radaranlage und ihrer Wirksamkeit und Bedeutung übertrieben; seine Recherche des dänischen Lebensstils während der Besatzungszeit, bis hin zu Details, wie der Vergnügungspark "Tivoli" in Kopenhagen zu dieser Zeit war, wird von seiner detaillierten Kenntnis der Hornet Moth, einer einmotorigen Maschine, die mit Autobenzin fliegen konnte, und mit der auch Harald die Flucht gelingen wird, getoppt.


Liebesgeschichten, Sex, Verrat, ein aufgrund umfangreicher Recherche sehr interessantes und glaubwürdiges Ambiente mit vielen sehr gut charakterisierten Personen – Follett hat es wieder einmal geschafft, ich habe dieses Buch mit einer einzigen Unterbrechung am Stück gelesen. Für Agententhriller zur Nazizeit hat er ein Händchen wie kein anderer. Übersetzung und Lektorat sind vorbildlich gelungen; die im selben Stil wie bisherige Follett-Hardcover gehaltene Umschlaggestaltung kommt nicht ganz an das Originalcover heran, passt sich jedoch hervorragend neben der "Nadel" und der "Leopardin" ins Bücherregal ein. Komplexer und etwas anspruchsvoller als "Die Leopardin", spricht "Mitternachtsfalken" dieselbe Zielgruppe an, ist jedoch bis auf einen sehr unnötigen, geradezu billigen und den Schluss in die Länge ziehenden Ausrutscher (Karen muss unbedingt die Abreise wegen einem Ballettauftritt vor dem König verzögern, verletzt sich und der unerfahrene Harald muss fliegen und entkommt sogar einem Me-110-Jäger!) bei weitem nicht so trivial. Hier sind auch die Nebencharaktere fein ausgearbeitet und wissen zu begeistern. Mir persönlich gefiel das Duell zwischen Felicity Clairet und Major Franck zwar etwas besser, da etwas spannender und bedrohlicher, alles in allem ist "Mitternachtsfalken" aber abwechslungsreicher, vor allem stimmiger, und gerade deshalb in meinen Augen einen Tick besser als sein Vorgänger – und wie bereits erwähnt, wieder ein echter Page-Turner!


Ken Follett's Homepage: http://www.ken-follett.com/

 

Michael Birke [16.11.2003]






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