Heribert Faßbender

Gesammelte Werke Band IX/5. Europameisterschaft 1996; Italien - Deutschland

Sach. xxxx, 125 Seiten. 19.80 DM . ISBN: 3-884-74658-8

Heribert  Faßbender: Gesammelte Werke Band IX/5. Europameisterschaft 1996; Italien - Deutschland

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Die Debatten um konkurrierende Gesamtausgaben (Hölderlin, Kleist, Kafka), die seit etwa einer Dezennie bis in die Feuilletons vorgedrungen sind, zeigen, daß die Historisch-kritische Ausgabe ihren alleinigen Charakter eines Instruments philologischer Bewahrungskunst zu verlieren droht. Junge Forscher, die sich wenig Chancen ausrechnen, in der unüberschaubaren Landschaft geisteswissenschaftlicher Paradigmen Forschungsfelder zu "besetzen", scheinen in der wissenschaftlichen Herausgeberschaft jene Lorbeeren holen zu wollen, die nicht bereits nach einer halben Generation verwelkt sind.

Wenn jedoch die Werkausgabe Heribert Faßbenders in ihrem Editionsplan nicht weniger als sechzehn Werkgruppen ausweist - die zudem eine Fülle von Fragwürdigkeiten enthalten wie die auf nicht weniger als sechs Teilbände der Werkgruppe VI verteilte Begegnung Bundesrepublik gegen DDR bei der Weltmeisterschaft 1974 -: so liegt der Verdacht nahe, daß die noch jungen Herausgeber sich darin weniger von editorischer Vernunft als vielmehr von dem Bedürfnis haben leiten lassen, ein Forschungsfeld nicht nur zu eröffnen, sondern langfristig zu okkupieren. Der Plan, pro Jahr 13 bis 17 Bände erscheinen zu lassen, scheint ehrgeizig, tatsächlich ist er angesichts der absehbaren Unerfüllbarkeit wohl nur als maßlos zu bezeichnen.

Scharf zu bemängeln ist das Vorhaben, einem Œuvre, das alles andere als abgeschlossen ist, bereits zu diesem Zeitpunkt eine Werkausgabe zu widmen. Die Faßbender-Forschung steckt noch in ihren Kinderschuhen, so daß von einem einigermaßen zuverlässigen Plateau gesicherter Forschungsergebnisse, auf dem ein anspruchsvolles Editionsunternehmen stets sollte aufruhen können, in keiner Weise ausgegangen werden darf. Faßbenders Kommentare zur diesjährigen Fußballweltmeisterschaft haben außerdem gezeigt, daß die Produktion des markantesten Bartträgers der deutschen Sportkommentatoren auf dem Zenit ihrer Fruchtbarkeit steht (wenn man die Sprechpausen mitrechnet). Er ist immer noch imstande, tiefe Bemerkungen zu formulieren wie im Endspiel Brasilien gegen Frankreich vom 12. Juli 1998: "Dunga soll die Räume für Ronaldo eng machen, ihn möglichst nicht ins Spiel kommen lassen" - Kleinode, die zwischen Rätselhaftigkeit (Ronaldo war Teamkollege Dungas) und divinatorischer Kraft  (Ronaldo kam tatsächlich nicht recht ins Spiel) changieren und der Forschung delikate hermeneutische Aufgaben stellen.

Angesichts dessen den Editionsvorwurf mit den neunziger Jahren enden zu lassen, zeugt von einem fatalen Planungsfehler der Editoren - oder aber von einer zynischen Hoffnung. Es ist durchaus zu fürchten, daß Sätze Faßbenders wie: "Berti Vogts einsam unten am Spielfeldrand, jetzt muß er natürlich die Abwehr umorganisieren" (S. 91) einmal in unverhoffter Weise auf die Editoren zurückfallen.

Die bislang eher schüttere Faßbender-Forschung leidet unter einer empfindlichen Disproportion zwischen der unmittelbaren, medienspezifisch strukturierten Rezeption der Werke Faßbenders einerseits und ihrer Analyse und systematischer Aufarbeitung andererseits. Die Erforschung der Gattung der unfreiwilligen Literazität, der man Faßbenders Produktion, ohne einem komplexen Phänomen allzu viel Gewalt anzutun, wahrscheinlich zuordnen darf, steht im Fall des Fernsehmoderators vor methodisch kaum befriedigend gelösten Problemen. Daß die Edition diesen Schwierigkeiten nicht im geringsten Rechnung trägt, daß sie allenfalls kursorische Angaben zur Sprechgeschwindigkeit, zur Stimmführung oder zur Bild-Wort-Korrelation macht, daß keine medizinisch/augenoptische Erörterung der Frage vorgesehen ist, was Faßbender eigentlich sieht, wenn die Regie ein offensichtliches - ungepfiffenes (!) - Strafraum-Handspiel in Zeitlupe einspielt, während er Vermutungen über die Lebensabschnittsgefährten einzelner Fußballspieler anstellt (vgl. jedoch als Kontrastbeleg: "Hier sehn wir's noch mal", S. 60), dürften aus Sicht einer noch um ihre Standards ringenden Faßbender-Forschung gravierende Makel sein. Ohne die Beantwortung solcher Fragen bleiben - im Apparat der Ausgabe rätselhafterweise unkommentiert gebliebene - Momente der Peripetie wie "Zola. / Gut geklärt von Eilts! / Konfusion!! Donadoni" (S. 64) hermetisch, allenfalls impressionistisch.

Immerhin präsentiert sich der als erster vorgelegte Teilband 5 der Werkgruppe IX insgesamt in angenehmer, durchaus handhabbarer Form. Er eignet sich in den oben bezeichneten Grenzen als propädeutische Einführung in Werk und Person Faßbenders. Daß die Herausgeber ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft gewählt haben, das unentschieden ausging, trägt der ins Offene, Inkonklusive tendierenden Reportagetechnik Faßbenders sorgfältig Rechnung; hervorzuheben auch etwa die Anmerkung 233 der Seiten 91 ff., die in vorläufiger, aber nicht unplausibler Weise auf die legendäre "Grippe-Moderation" des 10. September 1997 vorgreift (auf die Faßbender selbst in der Kommentierung des Weltmeisterschaftsspiels Argentinien gegen England vom 30. Juni 1998 selbstreflektiver in heiserer Performanz anspielte: "K-rr-opf-b-rr-all von C-rr-ampb-rr-ell ...", vgl. jedoch zuvor, bei ungetrübter Stimmlage: "Altmeister Adams, der Putzer ...").

Allenfalls diskutierbar dagegen, wenngleich nicht ohne Kühnheit, die wiederholte Parallelisierung Faßbenders mit den "bärtigen Diktatoren dieses Jahrhunderts" (nach J. Gauck), die sich auf Bildmaterial stützt, dessen Authentizität leider nicht lückenlos nachgewiesen wird.

Das größte Verdienst der Ausgabe besteht darin, das Material überhaupt in dieser Weise zugänglich gemacht zu haben. Auch der unkundige Leser wird sich angesichts von Passagen wie: "Mussi. / Und erster Ballkontakt von Strunz. / Zola. Freund bei ihm. / Maldini, letzte Woche Vater geworden" (S. 49) der ambivalenten Faszination einer Prosa-Poesie nicht entziehen können, die offenbar auch die Herausgeber zu ihrem ehrgeizigen Vorhaben motiviert hat.

Künftigen Einzelbänden der Edition wird zweckmäßigerweise ein eigenes Register beizugeben sein.

Dr. Hartmut Kuhlmann, Stuttgart

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