Hella Eckert

Big John

Roman. Luchterhand Literaturverlag, Hamburg. ISBN: 3-630-86806-1

Hella  Eckert: Big John

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Wenn man erwachsen wird und die Kindheit zu Ende ist, hören gemeinhin die Märchen auf. Die Kindheit des namenlosen Mädchens, von dessen Erwachsenwerden Hella Eckerts Roman "Big John" erzählt, wäre, von außen betrachtet, alles andere als märchenhaft zu nennen. Aber Hella Eckert betrachtet die Welt des Kindes nicht von außen, sondern auf solch konsequente Weise von innen, daß dabei ein Prosatext von eigener poetischer Dichte entsteht. Er spiegelt eine Wahrnehmung wider, in der die Zeitlosigkeit des Märchens die Erfahrung biographischer Entwicklung verdrängt. Das Thema, das Eckert bearbeitet, ist heikel: Es geht um Handlungen, die den Straftatbestand des Kindesmißbrauchs erfüllen.
Als in dem schäbigen Haus in der schäbigen Gegend im schäbigen Nachkriegsdeutschland der Mann auftaucht, den alle nur Big John nennen, ist das Kind "zehn oder elf". Am Schluß der Erzählung (für welche die Gattungsbezeichnung "Roman" ein bißchen hochgegriffen erscheint) hat das Mädchen Geburtstag, es wird ihr vierzehnter oder fünfzehnter sein. Bis dahin ist sie in die Kleider hineingewachsen, die ihre Mutter abgelegt hat, und in die Erwachsenenkleider, die Big John ihr geschenkt hat - und sie hat gelernt: wie man Küsse gibt, "die wie Kreise waren", "wie man mit den Augen über den ganzen Körper laufen konnte und dann mit den Fingern und dann mit dem Mund . . ., wie man mit dem ganzen Körper Kreise machen konnte, nicht nur beim Küssen, mit dem Mund". Daß Big John mit ihr tut, was Erwachsene mit Kindern nicht tun sollten, kommt dem Mädchen nicht in den Sinn. Und den anderen Erwachsenen, obwohl es vor deren Augen geschieht, auch nicht. Nicht der Mutter, nicht Big Johns Freundin Rosalie. Jeder ist dergestalt mit seinem eigenen Leben, so reduziert es ist, beschäftigt, daß kein Platz bleibt für die Wahrnehmung des Offensichtlichen. Die Mutter scheint nicht zu sehen, was mit ihrer Tochter in der oberen Wohnung, im Treppenhaus und auf dem Trümmergrundstück geschieht, und wenn sie es sieht, spricht sie nicht darüber.
Hella Eckerts vom Klappentext so apostrophierter "Roman einer gefährlichen Nähe" ist eine Geschichte eingeschränkter Wahrnehmung und, vor allem, eingeschränkter Sprachfähigkeit: Worüber man nicht reden kann, das passiert einfach nicht. Das ist eine kindliche Perspektive, und es ist die Perspektive des Märchens, in dessen Welt nur vorhanden sein kann, was benannt wird. Benannt werden die Dinge, wie das Kind sie sieht: "Ich wünschte, daß das Haus, in dem wir wohnten, Beine bekäme und sich mit mir davonmachte. Bevor auch aus ihm etwas ganz anderes würde, eine umgestülpte Schachtel ohne innen und außen und hell und dunkel, bevor die Nachbarn links und rechts und gegenüber weiter tuschelten, wenn ich ihnen beim Einkaufen begegnete." Gegenstände wie Schaumzuckerwaffeln und ein grünes Haarband fungieren, immer wieder aufgegriffen, als Leitmotive und entfalten magische Qualitäten; Elvis Presleys "Love me tender" wird zum Zauberspruch.
Angesichts der verwendeten erzählerischen Mittel wie der erzählten Lebenswirklichkeit drängt sich das Bild des Gewebes auf; die Fäden, die die Figuren miteinander verbinden und sie fesseln, werden sinnfällig in den Mustern der Wäscheleinen, die die Mutter quer durch den Wohnraum spannt, in den Kratzspuren, die den Blick durch die Fensterscheiben behindern, in den Seilen, die Big John sammelt, in den Netzen der Spinnen, die in den Ecken sitzen. Wie die Erwachsenen in ihre hoffnungslosen Lebensläufe verstrickt sind, ist das Mädchen ins Märchen eingesponnen. Ein Entrinnen gibt es weder für die eine noch für die anderen. Im letzten Bild (denn in Bildern vollzieht sich die Erzählung) steigt die Herangewachsene in Big Johns nie als solches benutztes Taxi und fährt stundenlang - "in Gedanken". Wirklich herauszutreten aus der Märchenwelt ist ihr nicht möglich. Nur das Märchen ist keines mehr.

Julia Schröder






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