Diederich Diederichsen

Politische Korrekturen

Sach. Kiepenheuer und Witsch Verlag, ISBN: 3-462-02551-1

Diederich  Diederichsen: Politische Korrekturen

Dieses Buch Freunden weiterempfehlen.

Dieses Buch kaufen bei Amazon.de

Buy Diederich Diederichsen: Politische Korrekturen at Amazon.com (USA)

Weitere Buchbesprechungen bei Amazon.de.

"Politische Korrekturen" - Diedrich Diederichsen analysiert das PC-Phänomen
Diederichsen hat zwei Bücher in einem geschrieben. Einerseits eine kluge Analyse vieler Phänomene, die mit dem Totschlagbegriff political correctness (PC) zusammenhängen. Andererseits eine ärgerlich simplifizierende Beschreibung der intellektuellen Debatten der letzten zwei Jahrzehnte - gerade auf akademischem Gebiet. Serviert wird das ganze in kurzen Ideenhäppchen. Doch langsam und der Reihe nach. Eine kritische Aufarbeitung der PC-Hysterie der letzten Jahre war seit langem überfällig. Der bekannte Pop- und Subkulturtheoretiker Diederichsen hat sich dankenswerterweise dieser Aufgabe angenommen und versucht, dieser schillernden Erscheinung auf den Grund zu gehen. Zu diesem Zweck beschreibt er detailliert die Entstehung des PC-Begriffs und das dafür relevante politisch-kulturelle Umfeld in den USA. Das Spektrum reicht hier von den teilweise heftig ausgetragenen Diskussionen an amerikanischen Universitäten über die symbolträchtigen Kulturkämpfe der amerikanischen Rechten gegen "Schmutz und Schund" in der Kunst, bis hin zu den aktuellen Diskussionen über die Abschaffung der Affirmative Action (der staatlichen Bevorzugung von Angehörigen einer benachteiligten Bevölkerungsgruppe). Auf diese Weise entsteht en passant auch eine pointierte amerikanische Kulturgeschichte der letzten zwei Jahrzehnte, die natürlich - wie alle Kultur - zugleich auch hochpolitisch ist.
Eine der Hauptthesen Diederichsens lautet: Die PC sei ein rechter Mythos, funktionalisiert von politisch interessierter Seite, um emanzipatorische Bewegungen zu aufzuhalten, indem man sie beispielsweise lächerlich macht. Doch das ist nur die eine Seite der unappetitlichen Medaille. Auf der anderen wird die PC auch benutzt, um verschiedene Debatten neu anzustoßen - unter dem Vorwand des dringend notwendigen Tabubruchs. Der Poptheoretiker bringt im dritten Kapitel seines Buches mehrere Beispiele aus dem neuen Deutschland nach der Wiedervereinigung: Die Fortsetzung des Historikerstreits, die "Fälle" Stefan Heitmann und Annemarie Schimmel, die wenig schmeichelhafte Rolle der FAZ in diesen Auseinandersetzungen, der neu-rechte Antifeminismus - das ist nur ein kleiner Ausschnitt der von Diederichsen angeschnittenen Themen. Es gelingt ihm deutlich zu machen, daß sich harmlos gebende Fragen in Wirklichkeit der Propagierung einst verpönter Thesen dienen, wie z.B. der Relativierung von Auschwitz. Kann man dieser Ebene der Untersuchung meist vorbehaltlos zustimmen, ja ist sogar dankbar, endlich einmal eine polemische Abrechnung zu diesem Thema lesen zu dürfen, trübt sich dieser positive Eindruck leider stark, wenn man sich der im engeren Sinn theoretischen Seite des Buches zuwendet. Diederichsen nimmt nämlich auch Stellung zum akademischen Streit der letzten Jahrzehnte und verstrickt sich hier unheilbar in zahlreichen theoretischen Fallstricken. Als Hintergrundinformation hierzu muß man wissen, daß es spätestens seit den achtziger Jahren (nicht nur) an amerikanischen Universitäten eine heftige Auseinandersetzung zwischen sich progressiv gebenden postmodernen Theoretikern und dem angeblich konservativen akademischen Establishment gibt. Die Diskussion über den Stellenwert der Theorie der Dekonstruktion in der Nachfolge des französischen Philosophen Jacques Derrida wäre hier als ein Beispiel zu nennen. Diederichsen geht sogar so weit, ausschließlich diese und verwandte Theorieansätze zu meinen, wenn er von den Geisteswissenschaften oder der Theorie spricht. Letztere sieht er ebenso verfolgt wie die Avantgard-Kunst und setzt sich folgerichtig vehement auch dafür ein. Der Verfasser hat insoweit recht, als diese neuen akademischen Bewegungen zu einer begrüßenswerten Politisierung führten. Er übersieht aber dabei den zutiefst irrationalen und antiaufklärerischen Gehalt dieser relativistischen Theorien bzw. konstruiert in seinem Buch eine politisch harmlose Variante von ihnen, indem er die radikalsten philosophischen Thesen ausklammert. Wie sonst könnte er an anderer Stelle fordern, man müsse sich auf die Konstitution eines Inhalts einigen (S. 108) oder auf Identität beziehen können (s. 177)? Beides widerspricht theoretischen Kernthesen der Dekonstruktion. Gänzlich absurd wird es, wenn Diederichsen diese Theorieansätze implizit deshalb als verfemt hinstellt, weil sie - aus Frankreich kommend -, alte Kulturkampf-Reflexe wachrufen. Damals waren die Fronten bekanntlich klar: Auf der einen Seite deutsche rechtskonservative Denker wie der frühe Thomas Mann oder Oswald Spengler, welche die "echte" und "tiefe" deutsche Kultur der angeblich dekadenten und zivilisatorisch verdorbenen westlichen Kultur gegenüberstellten. Die Dekonstruktion steht aber gerade nicht, wie von Diederichsen unterstellt, in dieser zivilisatorisch-aufklärischen Tradition, sondern ist ganz im Gegenteil fest in der verhängnisvollen deutschen irrationalen Geistesgeschichte verankert. Nietzsche und Heidegger sind ihre philosophischen Gewährsmänner, nicht die Nachfolger von Voltaire und Diderot. Deshalb ist es schlicht geistesgeschichtlicher Unsinn, Poststrukturalismus und Dekonstruktion als "welsche Ideen" (S. 114) zu bezeichnen, und damit zu suggerieren, sie stünden in der oben skizzierten fortschrittlichen Tradition. Da hier nicht der Ort für ausführliche philosophische Debatten ist, mag dieses eine Beispiel genügen. Es sei nur noch darauf hingewiesen, daß postmoderne Theoretiker keinen Alleinvertretungsanspruch für kritisches und fortschrittliches Denken für sich beanspruchen dürfen. Der analytische Philosoph Bertrand Russell ist nur ein Gegenbeispiel unter vielen. Gerade für die Durchsetzung einer neuen politischen Moral, wie Diederichsen sie fordert, ist nicht ein neuer Irrationalismus notwendig, der zufälligerweise gerade links angesiedelt ist, sondern ein moderner Aufklärungsbegriff und klares Denken, um vorhandene Vorurteile und repressive gesellschaftliche Strukturen aufdecken zu können. Alles in allem hinterläßt "Politische Korrekturen" also einen zwiespältigen Eindruck. Lesenswert ist es aber allemal, trotz des oft manierierten Szenejargons des Szenetheoretikers. Die politischen Rosinen sollte man sich jedoch auf alle Fälle herauspicken. (Christian Köllerer)






Bücher neu und gebraucht
bei amazon.de

Suchbegriff:


eBay


Bücher gebraucht oder neu bei booklooker.de
Autor:
Titel:
neu
gebraucht

Ihr Kauf bei unseren Shop-Partnern sichert das Bestehen dieses Angebotes.

Danke.


Weitere Rezensionen in der Kategorie: Sach  



Partner-Shop: Amazon.de

Politische Korrekturen Amazon.de-Shop
Diederich Diederichsen: Politische Korrekturen

Partner-Shop: Amazon.com (USA)

Buy Diederich Diederichsen: Politische Korrekturen at Amazon.com (USA)

carpe librum ist ein Projekt von carpe.com  und © by Sabine und Oliver Gassner, 1998ff.

Das © der Texte liegt bei den Rezensenten.   -   Wir vermitteln Texte in ihrem Auftrag.   -   librum @ carpe.com

Impressum  --  Internet-Programmierung: Martin Hönninger, Karlsruhe  --  19.06.2012