György Dalos

Der Gottsucher

Bestseller. Insel Verlag, Frankfurt/Main. ISBN: 3-458-16968-7

György  Dalos: Der Gottsucher

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Was ist Kapitalismus? Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Und was ist Kommunismus? Das Gegenteil. György Dalos ist ein politischer Schriftsteller, der sein ernstes Anliegen gerne in Witz und Ironie verkelidet. 1993 hat er eine Sammlung zum Ende des Ostblockwitzes herausgegeben (_Proletarier aller Länder, entschuldigt mich!_), aus der das obige Zitat stammt.

Auch sein neuer Roman Der Gottsucher ist ein politisches Buch. Der Heilsanspruch des Kommunismus wird gemessen am Heilsanspruch der Religion, und in beiden Systemen der theoretische Anspruch der allzumenschlichen Wirklichkeit gegenübergestellt. Die Zeit ist 1959, wenige Jahre nach dem Ungarnaufstand von 1956. Das Selbstbewusstsein der ungarischen Kommunisten ist durch die Konterrevolution tief getroffen.

Der Zweikampf der Systeme wird ausgetragen in der Seele des fünfzehnjährigen Gymnasiasten Gábor. Durch einen Zufall - er erregt durch ein schönes Sopransolo bei der Schulfeier allgemeines Erstaunen - gerät der allgemein gering geachtete Schüler ins Zentrum der Aufmerksamkeit zweier Pädagogen. Der neue Direktor Ludasi, der seltene Typ von Kommunisten, der schwärmerisch einer grundfalschen Idee verfallen war, möchte an ihm die Wirksamkeit der sozialistischen Pädagogik beweisen. Wir glauben nämlich an den Menschen. Der Musiklehrer Paulik, heimliches Mitglied des katholischen Piaristenordens und Anhänger der Revolution 1956, sieht den Schüler erfüllt vom Glauben an Gott.

Gábor ist Jude. Sein Vater, hoffnungsvoller Arzt aus guter Familie, wurde zerbrochen durch ein Jahr KZ Mauthausen und kann sich vor lauter Depression kaum mehr rühren. Die Mutter ist ein keifender Drachen. Täglich holt der Sohn im triefenden Henkelmann dem Vater Essen aus der Armenküche. Dabei denkt er über Gott nach, ob es ihn gibt, trotz der offensichtlichen Ungerechtigkeit auf der Welt, und wie man mit ihm in Kontakt treten kann. Der plötzliche Erfolg in der Schule ist schon so etwas wie ein Gottesbeweis und spornt ihn zu Höchstleistungen an. Das Simultanspiel der beiden Lehrer um seine Seele bietet ihm die Chance, aus dem bedrückenden Ghetto der Familie auszubrechen. Er stellt Gott ein Ultimatum - vergeblich - und beendet die Zerreißprobe mit einer Entscheidung für den kommunistischen Jugendverband. Beim Maiaufmarsch stolz die Rote Fahne schwenkend sieht er plötzlich IHN, der aussieht wie der Vater, nur schöner, größer, mit breiten Schultern. Ein Nervenzusammenbruch, sagt der Arzt. Der Schluß bleibt offen.

György Dalos, der seinerzeit selbst als Mitglied der Opposition verfolgt wurde und den Stoff seiner Bücher offensichtlich auch aus der eigenen Lebenserfahrung gewinnt, gilt als eine der wichtigsten literarischen Stimmen Ungarns. Seit 1987 lebt er auch in Wien und hat sein Buch (zusammen mit Elsbeth Zylla) selbst ins Deutsche übersetzt. In einer klaren, genauen Sprache, ohne literarische Experimente, stellt der Roman die Standpunkte der Beteiligten einander gegenüber und arbeitet das Thema heraus, das die Frage des 1990 erschienenen Romans Die Beschneidung wieder aufnimmt. Es geht um Anpassung oder Widerstand, um die Schwierigkeit für den Heranwachsenden, im Widerstreit konkurrierender Systeme einen eigenen Weg zu finden. Dabei werden die kommunistischen Ideale durchaus ernstgenommen, die Wirklichkeit allerdings gerät sehr oft zum Witz, so etwa die Anstrengungen des Regimes, ein klein wenig Sowjetfreundlichkeit bei den Jugendlichen zu bewirken, vergebliche Anstrengungen, wie sich zeigt: der Hauptfeind des Kommunismus ist die Langeweile.

   Anpassung oder Widerstand. Wie die Ungarn als Volk mit diesem Problem umgehen, zeigt der Musiklehrer Paulik anhand der ungarischen Melodik, die sich nach und nach ihrer Umgebung anpaßte und gleichzeitig ihren spezifischen Charakter beibehielt. Auch der Gulasch-Kommunismus konnte die Vielvölkeridentität nicht nivellieren. Aus Dalos´ Sammlung:

Was ist ein Ungar? - Einfach ein Ungar. Was sind zwei Ungarn? - Drei politische Strömungen. Was sind drei Ungarn? - So etwas gibt es nicht, denn der eine ist Jude, der zweite ist Donauschwabe und der dritte Zigeuner.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Stuttgarter Zeitung)






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