Petra van Cronenburg

Schwarze Madonnen. Das Mysterium einer Kultfigur

Sach. Hugendubel, ISBN: 3-89631-275-8

Petra van  Cronenburg: Schwarze Madonnen. Das Mysterium einer Kultfigur

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Petra van Cronenburg

Schwarze Madonnen. Das Mysterium einer Kultfigur

München, Hugendubel, 1999, ISBN 3-89631-275-8

 

Hellseherei auf schwarzem Grund

Wie eine Madonna auszusehen hat, weiß der gemeingebildete Mitteleuropäer. Freundlich, nett mit Kind auf dem Arm (fakultativ) und ein bißchen – mit Verlaub – schlicht dreinschauend. Man hat sie gern, verehrt sie gar oder man läßt’s halt. Die Zeiten, in denen sich eine nennenswerte Anzahl von Gemütern über diese Fragen erhitzte, sind vorbei.

Wie so ziemlich alles in der Welt vermag abendländischer Sachverstand auch Madonnen zu klassifizieren. Nach Alter und Werkstatt gewiß, aber auch nach Symbolgehalt. Es gibt da die Schutzmantelmadonnen, unter deren bergenden Mantel sich allerlei verkrauchen darf. Es gibt Rosenmadonnen und Madonna selbdritt (mit Mama Anna und dem Jesuskind). Es gibt Madonna auf der Flucht und Madonna mit dem toten Jesus im Arm (Pièta genannt). Es gibt Mondsichelmadonnen und Schwarze Madonnen. Und es gibt jede Menge Mischmasch aus all diesen Klassifizierungen. Die Bilder entstehen bekanntlich im Kopf der Künstler und richten sich weniger nach klaren Vorgaben.

In ihrem soeben erschienenen Buch ‚Schwarze Madonnen‘ widmet sich Petra van Cronenburg eben diesen. Es ist anerkennenswert, dass die Autorin, die sich mit ‚Geheimnis Odilienberg‘ schon einen Namen gemacht hat, dieser Sparte annahm. Unbestreitbar nämlich gibt es gerade für Schwarze Madonnen ein neues Interesse, dass nach Büchern und Untersuchungen verlangt. Hat China Gallant (Grüne Tara und Schwarze Madonna; 1993) bereits vor sechs Jahren den deutschen Markt mit einem diesbezüglichen Werk bedient, so blieb dies doch insofern Stückwerk als es mehr den spirituellen Weg einer allseits etwas oberflächlichen Sinnsucherin als ein Sachbuch darstellt. Eben letzteres aber verspricht van Cronenburgs Werk zu sein.

Bei einem derart umfassenden Thema empfiehlt sich die Darstellung der Herangehensweise, die natürlich auch gewisse Vorentscheidungen beinhalten muß.

So wäre es denkbar, die Angelegenheit phänomenologisch anzugehen: Schwarze Madonnen machen einen ganz bestimmten Eindruck auf ganz bestimmte Menschen und Strömungen. Das ist Fakt. Spielarten, Auswirkungen, soziologische, geistesgeschichtliche und psychologische Ursachen und Determinationen wären zu untersuchen.

Genauso denkbar wäre es, einem kulturhistorischen Ansatz nachzugehen. Welche Statuen und Gemälde sind wann und wie und unter welchem Einfluß entstanden. Welches Material wurde verwendet, welche Typisierungen sind brauchbar?

Bei van Cronenburg wirkt es sich von vornherein negativ aus, dass sie von allem etwas untersucht, aber auf eine klare Strategie verzichtet. Das Ganze wirkt wie eine Menge angesammeltes Material, mal eben so notdürftig geordnet. Zwar stellt sie am Anfang klar, dass sie ihre Untersuchung auf die ‚echten‘ romanischen sitzenden Madonnen beschränkt (und so einen kulturhistorischen Ansatz erkennen läßt), doch verzichtet sie z.B. auf eine Liste des dann doch recht übersichtlichen Materials, wie sie – idealerweise mit den Abbildungen – zur Überprüfung ihrer Postulate unverzichtbar ist. Die Willkürlichkeit dieser Postulate (z.B. behauptet van Cronenburg durchgängig Androgynität für ihren Untersuchungsgegenstand) legt den Verdacht nahe, dass eine solche Liste wegen der dann allzu offensichtlichen Falsifizierungmöglichkeit absichtlich weggelassen wurde. Gerechterweise ist hier hinzuzufügen, dass Frau van Cronenburg eine Website betreibt, auf der eine solche, allerdings selektive, Liste zugänglich ist und ebenso, dass sie im Buch einige Abbildungen einbrachte, die ihre Aussagen nicht gerade stützen. Meinen eigenen Wahrnehmungen mißtrauend fragte ich ein Dutzend Freunde und Freundinnen, ob die abgebildeten Figuren auf sie einen androgynen Eindruck machten. Eine Frage, die z.B. bei der Madonna von Rocamadour angesichts ihrer, sagen wir, schwellenden Fruchtkörper auf Unverständnis stieß. Auch von den Gesichtszügen her, läßt sich van Cronenburgs sehr zentrale Aussage von der Androgynität Schwarzer Madonnen bestenfalls als sehr subjektive Wahrnehmung beschreiben.

Gewiß: Einige der Figuren wirken jenseits aller Weiblichkeit. Die Madonna von Mende z.B. (in van Cronenburgs Liste gar nicht enthalten, obwohl ein Original aus dem 12. Jh.) wirkt wie eine alte afrikanische Göttin. Ähnlich - aber nicht in dieser Ausdrucksstärke - die von Marsat. Den naheliegenden Eindruck und die naheliegende Erklärung, dass es sich hierbei um die Darstellung einer alten Frau/Madonna handele, läßt van Cronenburg aber nicht gelten, weil nach ihr – auch dieses Postulat völlig unhaltbar – alle "echten" Schwarzen Madonnen in der Blüte ihrer Jahre dargestellt seien.

Allein die benannte Übersichtlichkeit des untersuchten Materials – auf van Cronenburgs Website läßt sie gerade mal 12 Schwarze Madonnen als echt gelten – hätte eine Einzeluntersuchung gerechtfertigt, bei der die wenigen Gemeinsamkeiten den zahlreichen Differenzen erkenntnisfördernd gegenübergestellt sein sollten.

Gänzlich abenteuerlich wird das Buch, wenn Frau van Cronenburg sich auf die Fährten künstlerischer und religionsgeschichtlicher Abhängigkeiten der Darstellung der Schwarzen Madonnen begibt. Die mögliche Abhängigkeit aller Madonna-mit-Kind-Darstellungen von den ägyptischen Isis-mit-Horus-Darstellungen ist nun wirklich nichts Neues. Dasselbe wurde auch schon von der indischen Kali (Kali = schwarz) behauptet. Der interessanten Frage näherzukommen, ob da neben der künstlerischen Abhängigkeit auch eine religionsgeschichtliche besteht – gerade bei Schwarzen Madonnen bekäme diese Frage zusätzlichen Grund – gelingt ihr auch nicht. Jedenfalls weder durch Belege noch durch klare Schlüsse.

Dafür werden jede Menge Götter- und Göttinnennamen aus dem Keltentum und dem Orient nahezu wahllos aneinandergereiht. Dass in diesem Ganzen "eigentlich hat alles mit allem zu tun" dann plötzlich hier und da eine durchaus berechtigte Kritik an Abhängigkeitsbehauptungen anderer Autoren Platz findet, ist dann schon ein Treppenwitz.

Gänzlich fassungslos steht der Sprachkenner vor den etymologischen Abenteuern der Autorin. Nur mal so zum Kosten: Als "Bathyloi" stellt sie uns einen Fachbegriff vor, der aufrecht stehende Stein-Stelen im Orient bezeichnet. Dieser angebliche Fachbegriff kommt ihres Erachtens aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie "Gotteshaus". Griechen schütteln verwundert den Kopf. Oikos tou Theou – das wäre ein Gotteshaus. Man möge sich vielleicht ja noch – die Autorin entschuldigend – zusammenerklären, dass im Semitischen Beth = Haus ist, das dies weiterhin als Lehnwort im Griechischen aufgenommen und, mit 'ulos = Holz kombiniert, ein (einem Gott geweihtes) Holzhaus bezeichnen möge. Was das aber dann mit Steinstelen zu tun hat, bleibt dennoch van Cronenburgs kleines Geheimnis. Und dies nur eines von geschätzten zwanzig derartigen Behauptungen auf die die Autorin dann ihre Abhängigkeitsbehauptungen nach dem Schema: ‚Wirklich alles nur Zufall?‘ baut.

Eine Beschäftigung mit vielen der von ihr als Beleg angeführten Dinge – und sei es nur mit der Bauweise des islamischen Zentralheiligtums, der Kaaba, deren Schwarzen Stein van Cronenburg auf dem Dach derselben wähnt – sei ihr dringend angeraten.

Schließlich tangiert Frau van Cronenburg noch die Rezeption der Schwarzen Madonnen. Dass sie damit ihren, ohnehin nur unsauber abgegrenzten Themenbereich weithin verläßt, hätte sie ruhig ausdrücklich benennen dürfen. Schließlich sind die Schwarzen Madonnen mit der weltweit größten Ausstrahlung die von Jassna Gora (bei Cestochowa in Polen), die von Einsiedeln, die von Altötting, die von Chatres, die von Montserrat (Spanien) und die von Guadeloupe (Mexico) durchweg keine "echten" romanischen Madonnen in van Cronenburgs Sinn.

Naheliegende Überlegungen zu diesem Wirkungsphänomen in der Schule Reich‘scher Archetypenlehre tut Frau van Cronenburg mit wenigen Bemerkungen ab. Sie müßte sich ja sonst damit beschäftigen, anstatt in verklärender Ruhe von einem idealisierten Männerbild der Troubadoure schwärmen zu dürfen.

Registriert werden von ihr die Bewegung "Schwarzer" Huren (bei weitem nicht alle sind dunkler Hautfarbe – sie verehren nur eine Schwarze Göttin) in den USA, wobei sie säuberlich zwischen berechtigter (mehr Sensus als Sex) und unberechtigter (halt andersrum) Adaption unterscheidet. Der gemeinsamen Idee, durch Einsatz von körperlicher Liebe Heilungsprozesse in Gang zu setzen, geht sie nicht weiter nach.

Völlig zusammenhangslos erscheint als Beispiel der Adaption wirklich Schwarzer Frauen (der Hautfarbe nach) die Yoruba-Priesterin Omifunke, die in den USA praktiziert. Was von Omifunke zu halten ist, entzieht mich meiner bescheidenen Kenntnis.

Hilfreich wäre hier vielleicht ein Seitenblick zum Forschungsstand des Iwalewa-Hauses (angeschlossen der Uni Bayreuth) oder zu der, eng mit dieser Instution verbundenen, Yoruba-Priesterin Susanne Wenger (praktiziert in Oshogbo, Nigeria – allerdings eine gebürtige Österreicherin) gewesen - einer Frau, die mit ihrem Engagement den alten Kult über wichtige Jahre begleitet, teilweise mit prägte. Susanne Wenger hat aber nun leider keine Website, aus der man schnell mal was abpinseln kann.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Frau van Cronenburg mit ihren ‚Schwarzen Madonnen‘ die Lücke zwischen Urania-Vortrag, Religiösen Feminismus und Esoterik-Literatur erfolgreich besetzt hat. Ansonsten ist das Buch in Ansatz, Präzision und Ergebnis schlecht. Würde man, der Vorliebe der Autorin für Krypten und Höhlen Rechnung tragend, nicht dem Mißverständnis eines Lobes ausgesetzt, könnte man sagen: grottenschlecht.

Doch macht genau dies wiederum Mut, zum Schreiben eines Sachbuches zum Thema aufzufordern, das diesen Namen auch verdient.

auf der Autobahn zwischen Rottmersleben und Zeitz

07.11.99

Reinhard W. Moosdorf

 


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