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Coupland porträtiert die US-Gesellschaft in der 1. Hälfte der 90er Jahre. Sein "Brief an Kurt Cobain" macht wirklich betroffen, und seine demografische Untersuchung über Brentwood, das L.A.-Viertel der Starlets und "Post-Promis", in dem Marilyn Monroe starb, ist ein Meisterwerk des beschreibenden Journalismus. Das glamouröse Titelfoto sollte niemanden über die Ernsthaftigkeit von Couplands Ansatz irreführen: Es zeigt das berühmteste Filmfoto der Monroe
Wer wissen möchte, wie sich die westliche Welt verändert und wohin sie sich entwickeln könnte, wird in diesem vielseitigen Buch eine Menge Spuren und Hinweise finden, die eine interessante Lektüre gewährleisten.
Der Autor
Douglas Coupland ist die literarische Stimme der sogenannten "Generation X", jener jungen Leute Anfang der 90er jahre, die vom Materialismus und Erfolgstreben der 80er Jahre desillusioniert waren und nun als "Slacker" in den Tag hineinlebten und sich nur mit kleinen "McJobs" über Wasser hielten.
Ich habe "Generation X" gelesen und fand es inzwischen obsolet und irrelevant. Viel mehr konnte ich dem einfühlsamen "Life after God" und dem kritisch-engagierten, sehr witzigen "Microsklaven" ("Microserfs") abgewinnen. Mit Spannung erwarte ich die Taschenbuchausgabe von "Girlfriend in a Coma", die bei Goldmann in Vorbereitung ist.
Drei Teile
Teil eins trägt den Titel "Polaroids from the Dead". Keine Angst: Mit den Dead sind nicht die Toten gemeint, sondern sowohl die kalifornische Kultband "The Grateful Dead" als auch ihre Anhänger, sie sogenannten "Deadheads". In kleinen Szenen stellt Vertreter dieses eigentümlichen, mittlerweile ziemlich ausgestorbenen Völkchens vor, wie sie 1991 ein paar Dead-Konzerte besuchen. Das bedeutet eine kleine Zeitreise zurück in die Jahre zwischen dem kalifornischen "Summer of Love" 1966 (oder 1967, je nachdem, wem man glauben will) und 1994. Dazwischen liegen mindestens eine komplett andere Generation. Coupland stellt zwei Welten, ihre Erfahrungen und ihre Werte gegenüber. So jagen uns beispielsweise die allgegenwärtigen Skelettanhänger der Deadheads Schauer über den Rücken – warum? Ein wundervoll erzähltes Märchen erklärt das Skelett-Phänomen, ein kleiner Schöpfungsmythos. Aber er erklärt, warum uns ein Skelett erschreckt.
Der zweite Teil trägt den Titel "Porträts von Menschen und Orten". Dies ist eine vielfältige Sammlung von persönlichen Erlebnissen Couplands: in Vancouver (C.s Heimatstadt), in Palo Alto (dem Herzen des Silicon Valley) und Los Alamos (dem Herzen der US-Atomforschung). Aufschlussreich sind der Besuch des deutschen Reporters, der zu einer Art Seelenführer in C.'s Jugend gemacht wird, und ein Besuch in Ostberlin vier Jahre nach der Vereinigung (unheimlich). Hier ist der "Brief an Kurt Cobain" zu finden und vier Mikro-Stories aus Washington. D.C.
Ein Viertel des Buch ist im 3. Teil nur einem einzigen Ort gewidmet: Brentwood. Was C. aus der Beschreibung des letzten Wohnortes von Marilyn Monroe und des Tatortes des O.J.Simpson-"Mordes" macht, ist erstaunlich. Schicht für Schicht dringt er in die Realitäten vor, die für diesen Ort charakteristisch sind: wirtschaftlich, demographisch, kulturell und psychologisch. Sollte uns Brentwood interessieren? Oh ja, denn Brentwoods Werte werden immer bestimmender für den Rest der Welt: "Du musst fit sein und wie ein Filmstar aussehen", "Wer schön ist, ist auch gut", "Deine Werte brauchen keine Hierarchie", "Moral – was soll das sein?", "Verteidige deine Gruppe!", "Was krank ist, hat bei uns nichts zu suchen", "Wagen Sie es bloß nicht, unsere heile Welt zu (zer)stören!".
Kommt Ihnen das bekannt vor? Es ist die Idealwirklichkeit der Seifenopern – und die von Disneyland. Wenn aber Brentwood so wunderbar für den Rest der Welt ist, warum hat sich dann hier Marilyn Monroe das Leben genommen, obwohl sie eine der Schönsten war? Warum wurde Rita Brown Simpson hier ermordet, obwohl sie eine der "Fittesten" war? Coupland erklärt es uns mit gnadenloser Konsequenz, und das hat mich wirklich getroffen.
Fazit
Coupland ist nicht nur ein hervorragender Erzähler, sondern auch ein kompetenter Journalist. Dazu gehört eine gute Beobachtungsgabe und unerschrockene Wahrheitsliebe. Denn die Wahrheit hat meist wenig mit unseren Vorlieben und Vorurteilen zu tun. Wer diese Geschichten liest, tut dies auf eigene Gefahr. Natürlich kann man sich immer sagen: Der Typ erzählt vom weit entfernten Amerika und aus einem Deutschland, wie es vor sieben Jahren existierte. Leider ist es nicht so einfach: Die Disneyfizierung des Rests der Welt greift immer weiter um sich (ich erlebte sie 1995 in Nassau, Bahamas). Und die "Servicewüste Deutschland" gibt es immer noch, wie zahlreiche Reportagen belegen.
Couplands Beobachtungen sind relevant. Doch er will uns nicht Angst einjagen, sondern, da er uns liebt, will uns auf bestimmte Entwicklungen aufmerksam machen. Der Starkult, wie er etwa um Cobain entwickelt wurde, existiert weiterhin – zum Guten oder Schlechten, haben wir selbst zu entscheiden. Coupland stellt nur die Hinweisschilder auf: Sie zu beachten, bleibt jedem selbst überlassen.
Michael Matzer © 2001ff
Info: Polaroids from the Dead, 1996; Goldmann 2001, Nr. 43565, München; 247 Seiten, DM 14,90, aus dem US-Englischen übertragen von Tina Hohl
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