Mohamed Choukri

Jean Genet und Tennessee Williams in Tanger

Undefined. Kellner, Frankfurt a.M.. ISBN: 3-821-84403-5

Mohamed  Choukri: Jean Genet und Tennessee Williams in Tanger

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Zeit der Fehler 

Frankfurt a.M., Eichborn, 1994, ISBN 3-8218-0274-x 

Jean Genet und Tennessee Williams in Tanger  

Hamburg, Kellner, 1995, ISBN 3-927623-45-8

Mohamed Choukri wird 1935 in einem kleinen Dorf im marokkanischen Rif-Gebirge geboren, als Sohn eines tyrannischen, schlagenden Vaters von armer Herkunft. Während der Hungersnot im Krieg flieht die Familie nach Tanger, wo sie sich ein Auskommen erhofft. Die Hoffnungen zerschlagen sich, und aus angestauter Wut über die Enttäuschung, aus Wut aber auch über das unstillbare Weinen von Mohameds Bruder bringt der Vater diesen mit eigenen Händen um. Mohamed, der diese traumatische Erfahrung nie verwinden soll, erfährt durch sie die Ungerechtigkeit, den Riss, das Sinnwidrige, das sich durch die Welt zieht, allzu früh, auf furchtbare Weise, bitter. Bald wird er das Elternhaus fliehen und sich als minderjähriger Schuhputzer, Bettler, Dieb, Zuhälter, Dealer und Schmuggler durchbringen. Eine schiefe Bahn, von allem Anfang an, chancenlos. Eines Tages gerät der 20jährige in die Fänge der marokkanischen Polizei und landet im Gefängnis. Dort lernt er von einem Mitgefangenen in einer Zelle die ersten drei Buchstaben des arabischen Alphabets. - Und das ist die Atemwende im Leben von Mohamed Choukri. Der Mitgefangene macht ihn auf ein Lyceum in Larache aufmerksam, das Choukri nach seiner Entlassung besucht. Mit der Schrift erschliesst er sich eine neue Welt. Sie verstattet Poesie, Vergessen der ungenügenden Gegenwart und der schmerzlichen Vergangenheit. Choukri lernt begierig, wie ein Besessener, liest jeden beschrifteten Fetzen, schreibt auf jedes leere Blättchen, das er finden kann. Ein Selbstporträt aus dem zweiten Teil von Choukris Autobiographie Zeit der Fehler zeigt den Mittellosen, wie er nachtsüber in einem Hauseingang, den Kopf auf zwei Bücher gelegt, schläft. Wahnsinn und Trunksucht bleiben die Abgründe dieses gezeichneten Lebens. Nach der Ausbildung unterrichtet Choukri kurz. Dann betreut er sporadisch literarische Radiosendungen; dies bis auf den heutigen Tag. In den 60er Jahren lernt er Jean Genet, Tennessee Williams, Samuel Beckett und Paul Bowles kennen. Sie bekräftigen ihn in seinem Entschluss, Schriftsteller zu werden. Bowles übersetzt 1973 den ersten Teil von Choukris Autobiographie Das nackte Brot ins Amerikanische, Tahar Ben Jelloun übersetzt es 1980 ins Französische. Seither wächst Choukris Anerkennung weltweit: Er wird zur Stimme von Tanger schlechthin.

Choukri schöpft Literatur aus der Wirklichkeit der Ereignisse, die ihm widerfahren sind. Im Nackten Brot zeichnet sich seine Prosa durch Härte, Sachlichkeit und Tempo aus. Schlag auf Schlag folgen die Erinnerungen aus der Kindheit und der Adoleszenz. Kaum je ein Ansatz zur Deutung, zur innehaltenden Reflexion. Der Verzicht auf Überbau ist mitunter so rigoros, dass der Leser schier atemlos den Zeilen folgt, die eine schwer zugängliche Lebenswelt bezeugen.

Authentizität ist eine erstrangige Qualität von Mohamed Choukris Büchern, eine Qualität allerdings, die den Autor bitter zu stehen kommen sollte. 1983, im Jahr der arabischen Erstveröffentlichung des Nackten Brotes, wurde das Buch in Marokko verboten, und sechs Jahre später wurde Choukris Name von islamischen Fundamentalisten auf die berüchtigte Schwarze Liste gesetzt; der Autor habe religiöse Dogmen verletzt, z.B. die Unantastbarkeit des Vaters... In den 90er Jahren aber lernte Marokkos Regierung den Fundamentalismus fürchten, weshalb Choukri 1992 den zweiten Teil seiner Autobiographie problemlos veröffentlichen konnte.

In der Zeit der Fehler scheint der chronologische Faden von Choukris Erwachsenenleben anfangs noch deutlich, dann aber nur noch lose durch; je stärker das Ich in die Schrift, in die Welt der Zeichen, eindringt, desto mehr zersetzt sich dieser Faden; oft reisst er ganz ab. Diese Diskontinuität, diese Gleichzeitigkeit des Verschiedenen, spiegelt die Zerrissenheit von Choukris Existenz wider. Eine Gegenwelt erschliesst nur der Traum: "Ich habe schon immer nach dem Spielerischen des Lebens, seinen geheimnisvollen Zeichen gesucht, nicht nach der Wahrheit: nach dem Dunklen und Rätselhaften, nicht nach dem Hellen und Einfachen, nach dem Unbekannten und nicht nach dem Bekannten, nach der Fata Morgana und nicht nach dem Wasser." Prosagedichte könnte man einen guten Teil der 27 Kapitel auch nennen. Das Buch endet gar, dem erzählenden Anfang klar entgegengesetzt, mit Versen, einem abgründigen Hymnus an Tanger: "Wie aber weggehen ... da du mein Irrgarten bist? / Ich bin nicht vom Leib Ariadnes, auch nicht dem der Penelope. / Die Wellen haben mich an deine Küste gespült, / bis an die Grenze der Koralleninseln, / und als mein Blick sich auf dich richtete, / verwickelte sich mir der hilfreiche Faden der Suche.

In Tanger lebt Mohamed Choukri noch heute. In einer kleinen bescheidenen Dachwohnung, mit einem Kanarienvogel und einem Hund, mit vielen Büchern und vielen Manuskripten, 62jährig, rührig wie eh und je und blitzgescheit und traurig und voller Träume und voller Ideen: ein Buch über seinen Hund will er schreiben, ein Buch über die Bücher, die ihn geprägt haben, ist in Arbeit, und ein Buch über Paul Bowles und seine Freunde in Tanger wird bald in mehreren Sprachen erscheinen.

 Florian Vetsch






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