Georges Charpak; Henri Broch

Was macht der Fakir auf dem Nagelbrett? Erklärungen für unerklärliche Phänomene

Sach. Piper Verlag, München. 253 Seiten. 17.90 EUR . ISBN: 3492045189

Was das Jahrtausend für Sie bereithält: Nägel mit Köpfen
Georges  Charpak; Henri  Broch: Was macht der Fakir auf dem Nagelbrett? Erklärungen für unerklärliche Phänomene

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Mit den Fortschritten der Naturwissenschaften wird die Welt erfassbarer - und das Interesse an Übernatürlichem und Grenzwissenschaften größer. Das ist paradox, aber auch gefährlich.

Ohne es statistisch zu belegen, kann man vermutlich feststellen, die Bedingungen für die Aufklärung der Menschheit werden tagtäglich besser. Dank Internet und Wissen aus jedem von Satelliten observierten Winkel der Erde (das All lassen wir mal der Einfachheit halber außen vor) verfügen wir heute über mehr Informationen als je zuvor. Logisch wäre daraus zu folgern, dass Mystik und Religion an Einfluss verlieren. Das Paradoxe ist: Genauso logisch und statistisch belegt ist das Gegenteil. Oder, wie Don DeLillo schon in seinem Auftakt zu "Mao II" feststellte: "When the Old God leaves the world, what happens to all the unexpanded faith?" Frei übersetzt: Wohin mit all dem Glauben, wenn es keinen Gott mehr gibt? Die Frage des Romanciers, eingebettet in eine Massenhochzeit der Mooniesekte im Yankee Stadium, deckt sich fast mit den Themen von Was macht der Fakir auf dem Nagelbrett? - nur ist Letzteres noch deutlicher ein Appell an Vernunft und Rationalität.

Statt mit Fragen beginnen Georges Charpak und Henri Broch mit "Erklärungen für unerklärliche Phänomene". Leicht nachvollziehbar erläutern sie, wie man über glühende Kohlen geht, Telepathie vortäuscht und mit etwas Wahrscheinlichkeitsrechnung vermeintlich unerklärliche Phänomene und Zufälle begreift. Alles amüsant und unterhaltsam, so dass man auf der nächsten Party, kreisen erst mal die Gespräche um Astrologie und Übernatürliches, ein paar neue Tricks vorführen kann. Wussten Sie beispielsweise, dass ein Pendel nicht schwingt, wenn man seinem Halter die Augen verbindet? Wussten Sie, dass nie geklärt wurde, warum ein Pendel das sich zwölfmal im Kreis dreht, einen Wasserstand anzeigen soll, der zwölf Meter tief, nicht aber zwölf Fuß tief ist oder gar zwölf Li (chinesische Maßeinheit, entspricht 7000 Metern)?

Ernsthafter werden die Autoren - der eine Nobelpreisträger, der andere Professor für Physik - bei der Erklärung des "Rätsels des Sarkophags von Arles-sur-Tech". Noch vor kurzem wurde das vermeintlich Wasser generierende "Heiligengrab" via TF1 einer breiten Öffentlichkeit als übernatürliches Phänomen vorgestellt, obwohl - und hier hört für die Autoren der Spaß auf - das Geheimnis schon 1961 von Hydrologen untersucht und demaskiert worden war. Weder Gottheiten noch Dämonen herrschen über diese Welt so sehr wie Einschaltquoten. Unterhaltsam und amüsant ist an dieser Sorte Desinformation nichts. Ein Ausklammern der aufklärenden Naturwissenschaft birgt sogar Gefahren, warnen Broch und Charpak, zumal da die Informationsflut heute zunehmend über Bilder und unmittelbare Empfindungen vermittelt wird, "während die Schrift und die fundierte Analyse immer mehr auf der Strecke bleiben."

Und hier werden die Autoren fast wütend. Anekdotische begann das schmale Bändchen, der Brückenschlag zu den wirklichen Gefahren und damit der Appell an kühlen Verstand kommt wie ein Gewitter: Sobald Augenwischerei und Okkultismus den Partytalk verlassen und unser Verständnis von der Welt prägen, bekommen wir ernsthafte Probleme. Denn der Spaß hört auf, wenn Nachrichten von nuklear-verseuchten Stränden oder Terroristen berichten, ohne auf größere Zusammenhänge einzugehen - breite Berichterstattung über vernichtend geringe radioaktive Kontamination, wo gleichzeitig der Atommüll ganz andere Gefahren beibehält und damit über Millionen Jahre ein Ziel für Terroristen oder sonstwie Verzweifelte Erdbewohner ist.

So wird der Schlusssprint von "Was macht der Fakir auf dem Nagelbrett?" zu einer knallharten Abrechnung mit den Verblendungen der Grenzwissenschaften, die in der heutigen Informationsflut wuchern wie nie zuvor. Die sich sogar auch in akademische Zirkel aufschwingen; das Beispiel aus Frankreich ist hierbei nicht ganz so relevant wie das Umfeld, vor dem manche wissenschaftliche Untersuchung stattfindet. Denn auch den Wissenschaften ist nicht blindlings zu trauen, wenn diese Übersinnliches klären sollen - dabei aber verdunkeln. So setzte sich die Forschergruppe STURP, die in den siebziger Jahren das Turiner Grabtuch Christi untersuchte (und diagnostizierte, dass es ein Mysterium bleibt), aus 39 Gläubigen und einem Agnostiker zusammen. Broch und Charpak rechnen vor, "daß man zehnmillionenmal eher im Lotto gewinnt, als durch reinen Zufall eine Gruppe zu bekommen, die die gleiche Zusammensetzung hat wie die STURP!"

Wissenschaft, Fortschritt und Information als Chance, zugleich auch als Gefahr? Paradox, sicher - aber eben nicht mystisch.

© Matthias Penzel, 2004. Original erschien dieser Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 01.10.2003






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