Tim Burton

Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche

DVD. Warner Brothers, ISBN: 0-0000-0000-0

Hochzeit mit dem Leben
Tim  Burton: Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche

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Tim Burton's Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche
DVD

Neureiche Fischhändler sind mit einem sensiblen jungen Mann, Victor, als Sohn geschlagen, der Schmetterlinge aus Papier schneidet und dann zusieht, wie sie zu Leben erwachen und fortfliegen. Auf dem Pianoforte drückt er seine Gefühle aus und auch ansonsten erscheint er zum Leben nicht ganz tauglich.
Ihm versprochen ist eine ebenso sensible junge Dame, Victoria, mit reinem Herzen, der das Klavierspiel wegen zu großer Leidenschaftlichkeit vormundlicherseits untersagt wurde. Sie stammt aus verarmten adeligen Verhältnissen. Ihre Eltern erhoffen sich durch die finanziellen Aspekte dieser Verbindung die Erhaltung ihrer gesellschaftlichen Stellung.
Bei der Hochzeitsprobe unter der Regie eines machtbewussten Oberpopen, bekommt der junge Mann aber die wenigen vorgeschriebenen Ritualsprüche nicht einmal ansatzweise auf die Reihe, so dass der Geistliche ihn streng verweist und ankündigt, dass unter diesen Bedingungen eine Hochzeit auf keinen Fall stattfände. Von seinem Versagen entmutigt, probt der junge Mann im einsamen winterlichen Wald an einer trockenen Wurzel das Anstecken des Rings mit den verbindlichen Formeln – doch siehe da – die Wurzel erwacht zum Leben und entpuppt sich als Leiche im Brautkleid, die das Eheversprechen nun für sich reklamiert. Diese Corpse Bride, Emily, ist der Star der Story.
Der Widerspruch zwischen der Totenwelt, die sich in der Folge als bunt, dynamisch und jenseitsfroh herausstellt und der Welt der Lebenden, die der Jüngling als eiskalt berechnend, eingeschnürt und daseinstraurig kennt, manifestiert sich letztlich in einer Entscheidung zwischen den nunmehr zwei Ehe-Kandidatinnen, die jeweils die positiven Aspekte der beiden Welten verkörpern.
Die eine hat Charakter – die andere einen Puls. So bringt es eine Schlüsselstelle im Drama auf den Punkt.
Schließlich treffen die Frauen die Entscheidungen unter sich und lösen darin die Mütter ab. Die durchaus endlich errungene eigene Entscheidung des jungen Mannes wird ignoriert. Die Erlöstere der beiden Bräute verwandelt sich in eine Wolke scherenschnittartiger Schmetterlinge. Die andere hat den Bengel am Hals.

Für die Regie zeichnet neben Tim Burton Mike Johnson verantwortlich. Drehbuch von John August, der mit Burton schon bei „Big Fish“ und „Charlie und die Schokoladenfabrik“ zusammenarbeitete. Musik macht wieder Danny Elfman und zum Dreamteam in der amerikanischen Fassung gehören als Sprecher Helena Bonham Carter, Johnny Depp, Emily Watson, Albert Finney, Joanna Lumley, Richard E. Grant, Christopher Lee und Michael Gough.

Es ist eines dieser Meisterstücke, nicht nur wegen der Besetzung. Ein Monolith im Geröll des Tagewerks. Eine Kunstfertigkeit auf allen ihren Ebenen. Eine, die auch verschiedene Grade des Intellekts auf der jeweiligen Stufe freundlich bedient, ohne hochmütig nach Erklärungen zu verlangen oder sich als nicht begreifbar zu gerieren.
Ein Film, den Kinder einfach lieben. Und der Erwachsene ins Grübeln bringt, so dass man ihn je weniger zu verstehen glaubt, je öfter man ihn sieht.

Corpse Bride – die Leichenbraut. Weniger geschickt der deutsche Untertitelversuch: Hochzeit mit einer Leiche. Aber – dies sei vorweggenommen – das ist auch schon alles, was man in der deutschen Version bekritteln mag, denn die Synchronisation ist im Ganzen hervorragend gelungen, wenngleich es noch immer an deutschen Sprecherinnen mangelt, die mit den tieferen Stimmen auch jüngerer amerikanischer Schauspielerinnen im deutschen Alt einigermaßen mithalten können. Aber sei’s drum – dafür trifft die deutsche Poesie manchmal gelegentlich die amerikanischen Songs besser, als diese es im Original selbst vermögen. So bei Danny Elfmans Remains Of The Day:
„And you might try 'n' hide / And you might try 'n' pray / But we all end up the remains of the day“ noch eine Spur atheistischer mit „Am Schluss landen wir / Dazu sind wir bereit / Auf dem Komposthaufen am Ende der Zeit“ wiederzugeben – das ist schon die Hohe Kunst des Übersetzens. Wenn man jene Wendung mit dem Komposthaufen heute wörtlich bei Google eingibt, landet man an die tausend Treffer. Das zeigt doch, dass die Formulierung angekommen ist. Der Dank gilt dem Übersetzer.

Tim Burtons Puppenfilm in Stop-Motion-Technik schließt an Klassiker an, erinnert in der Meisterschaft an die Starowitschs und natürlich an den selbst gesetzten Meilenstein „Nightmare before Christmas“.
Es sprüht im Film von Zitaten, Hommages, Anklängen und Anspielungen, aber diese Kleinigkeiten lenken nicht ab und lassen dem Film, was gar nicht selbstverständlich ist, seinen einen, ganz eigenen Guss. Deshalb werde ich diese Dinge bestenfalls am Rande streifen, genau so, wie es der Film selbst handhabt. Mich interessiert eher der Kern der Story – und seine grandiose Umsetzung. Um aber diesem Kern näher zu kommen, um ihn vorsichtig zu berühren, ohne seinen Zauber zu zerstören, müssen wir eine Reise durch die Jahrzehnte, die Jahrhunderte, ja, kurzzeitig sogar durch reichlich zwei Jahrtausende unternehmen. In diesen Tagen treffen wir erstmals auf eine jüdische Geheimlehre, die Jahrhunderte später als Kabbala ein wenig bekannter werden wird. Die Wurzeln der Lehre reichen jedoch viel weiter zurück. Der berühmte Rabbi Gamaliel, ein Lehrer des späteren Apostels Paulus, stand ihr offenbar nahe und in Römer 15 versuchte selbst Paulus – theologisch wie immer ein wenig schwach auf der Brust – sich mit den Lehren vom Adam Kadmon (einem Element der Kabbala) auseinanderzusetzen. Das Ergebnis war katastrophal und führte auf Umwegen zu der Vorstellung vom „Inneren Schweinehund“, den es zu überwinden gelte. Diese Vorstellungen aber überlassen wir den Nazis und anderen Motivationstrainern und setzen an einer anderen Stelle der Geschichte jener Geheimlehre an.

Der berühmte Rabbi Akiwa – der, dem die Römer am Ende des Bar Kochba Aufstandes im Jahr 135 unter Kaiser Hadrian das Fleisch mit eisernen Kämmen vom Leib gerissen haben – hatte eine Handvoll Schüler, die sich später selbst einen Namen machen sollten. Einer davon war Rabbi Schimon ben Jochai. Da dessen Vater früher mit den Römern sympathisierte, wollte ihn Rabbi Akiwa anfangs gar nicht als Schüler haben, aber die Römerfreundschaft war nicht erblich und Rabbi Schimon ben Jochai musste später mit seinem Sohn Eleazar selbst vor den Römern fliehen. Sie versteckten sich 13 Jahre lang in einer Höhle und ernährten sich von einem Johannesbrotbaum und einem Wasserquell, die sich auf Geheiß des Heiligen, gelobt sei er, vor dem Höhleneingang einfanden. Als sie nach 13 Jahren an einem Sabbathvorabend wieder aus der Höhle krochen, begegnete ihnen ein alter Mann, der zwei Myrrthenzweige in der Hand trug. Solch einen Myrrthenzweig benötigte man, um sein Haus recht schön für den Sabbath zu schmücken. Ein einzelner Zweig hätte aber doch gereicht und so fragte Rabbi Schimon Ben Jochai den Alten, wozu er zwei Zweige trage. Als Antwort bekam er, dass das Sabbathgebot zweimal in der Heiligen Schrift stehe. Einmal fängt es mir „Gedenke …“ und einmal mit „Bedenke …“ an. Also schmücke der Alte sein Heim lieber doppelt, um nicht etwa das Sabbathgebot leichtfertig zu übertreten. Als er das hörte, war für Rabbi Schimon die Welt noch in Ordnung. Klar. Da lohnte es sich, noch einmal einen Versuch mit dem Treiben außerhalb der Höhle zu wagen.
Doch hatte sich Rabbi Schimon während der 13 unterirdischen Jahre allerhand Gedanken gemacht und war zu verschiedenen sozusagen fundamentalen Ansichten über die Welt gekommen. Menschen, die zeitweise allein in einer Höhle zubrachten, erzählen auch heute noch von seltsamen Dingen. Die Erde selbst fängt an, mit einem zu sprechen, und was sie da sagt, ist nicht immer schön.
Jedenfalls kam Rabbi Schimon in der Folge zu einer eigenen Auslegungsrichtung der Heiligen Schriften, die er fest formulierte aber mit Bedacht nicht schriftlich niederlegte. Uns Späteren ist diese Richtung eben als die Kabbala bekannt. Seine Einsichten vertraute Rabbi Schimon Ben Jochai nur wenigen und in verschiedenen Graden mit, darunter seinem Sohn Eleazar. Die Lehren des Rabbi wurden also im Verborgenen von nur wenigen Eingeweihten weiterentwickelt und tradiert, bis tausend Jahre später um 1280 in Guadalajara in Spanien Rabbi Mose Ben Schem Tov viele dieser weiterentwickelten Lehren im Buch Sohar niederlegte. Auch wenn ihm das einige der Hardliner übel nahmen und natürlich klar bezeugten, dass schon mit der Verschriftlichung der Reinheit der Lehre Abbruch getan würde, so verdanken wir doch, während wir besagten Kritikern dem Grunde nach natürlich beipflichten, dem Buch Sohar und seinen Begleitheften ein wenig Wissen über das Denksystem der Kabbala … und schlußendlich auch den Film mit der Leichenbraut.
Danke, Rabbi Mose Ben Schem Tov und Danke, Rabbi Schimon Ben Jochai. Doch jetzt zur Sache.

Wir schreiben das Jahr des Columbus 1492. Nachdem sich Kastilien und Aragon bereits 1469 in Form von Isabella und Ferdinand das Jawort zur spanischen Romanze des Jahrhunderts gegeben hatten und mit Hilfe ihres jüdischen Finanzgenies Isaak Abrabanel (der nebenher auch noch ein bedeutender Theologe war) genug Schulden aufhäufen konnten, um die Restmauren zu besiegen, kommen die beiden Cleverles nunmehr auf die geniale Idee, ihr pekunäres Problem dadurch zu lösen, dass man alle Juden aus Spanien vertreibe. Dazu erlassen sie ein Edikt, das als "Alhambra-Edikt" Eingang in die Geschichtsbücher finden wird. Immerhin ungefähr ein Achtel der damaligen Bevölkerung wurde jetzt in Vorwegnahme der Nürnberger Gesetze mit der Neuigkeit konfrontiert, dass sie unreinen Blutes sei und innerhalb von ein paar Monaten aus Spanien entfernt werden müsse. Die Immobilienpreise purzelten ins Bodenlose, der Markt wurde mit Waren überschwemmt, die die Unglücklichen zum Schleuderpreis an den Mann zu bringen suchten und der folgende Exodus der jüdischen Bevölkerung führte zu einigen Verwerfungen in Europa und den Mittelmeerländern.
Es sei erwähnt, das Juan Carlos das Alhambra-Edikt 1992 nach 500 Jahren wieder aufgehoben hat – ging also für katholische Verhältnisse ziemlich schnell.

An der Peripherie dieser Weltgeschichte verschlug es damals einen harten Kern der Kabbalisten wieder nach Palästina. Dort las der 22jährige Geschäftsmann Izchak Ben Schlomo Askenasi Luria, dessen Mutter dem spanischen und dessen Vater dem deutschen Judentum entstammten, die Schriften des Sohar. Er hatte sich einige Jahre zuvor in Ägypten niedergelassen und war jetzt von den Lehren so aufgewühlt, dass er sich gegenläufig sieben Jahre in den Schlamm einer Nilinsel einwühlte und seine Familie nur an den Sabbathen besuchte. Danach ließ er sich in Safed nieder, einer kleinen Stadt in Palästina. Er fand ein paar Knochen, die er dann auch spürsicher als Grab des oben genannten Rabbi Schimon Ben Jochai analysierte und gründete vor Ort das künftige Zentrum der Kabbalistischen Lehren. Aelohi Rabbi Izchak – Göttlicher Rabbi Isaak, so nannten ihn jetzt seine Jünger und kürzten, faul wie sie waren, die Ehrenformel zu „ARI“ ab. ARI als Wort bedeutet hebräisch LÖWE. Und wenn der ARI seine Lehren unter die Jünger brüllte, so verstummte hinfort jede Kritik und aus Faulheit wurde Angstfleiß. Man mag das merkwürdig finden, aber interessanterweise gedieh unter diesen Bedingungen eine Philosophie, die zumindest für die damalige Zeit bemerkenswert war, weil sie Elemente der christlichen, der jüdischen, der arabischen und der östlichen Religion ohne Sollbruchstellen vereinigen konnte. Ich will und kann hier unmöglich auf die Grundlehren der Kabbala in der Fassung des ARI eingehen. Ich kann nur andeuten, dass sie nicht nur eine Wiedergeburt für möglich hält, sondern dass nach ihr mehrere Seelen einen Körper bewohnen können. Ein guter Seelenmentor kann einer wankelmütigen Seele in demselben Körper zum Guten verhelfen, indes eine dämonische Seele ihn hinabziehen kann. Diese Mentoren-Seelen sind selbst einst Menschen gewesen. Sie wirken weiter in den Lebenden. Das ist nicht einfach eine Besessenheit sondern eine Seelengemeinschaft in einem Körper, vergleichbar mit der christlichen Lehre von der Dreieinigkeit Gottes, den drei Personen in einem Wesen. Sofort tauchte die Frage auf, wie denn Lebende mit Toten eine Gemeinschaft bilden könnten. Darum ging es aber nicht, und um gar nicht erst in den Verdacht absonderlicher Ketzereien zu kommen, hielt Rabbi Luria für Anfänger eine märchenhafte Geschichte bereit, und die ging so:

Ein junger Bräutigam macht mit zwei Gefährten in der Nacht vor seiner Hochzeit einen Ausflug durch den Wald. Sie schaukeln sich mit Ulk und Blödeleien so hoch, dass sie sich in einem Zustand brachten „als wären sie betrunken“. An einem Flussufer sich ausruhend, sehen sie einen fingerartigen Gegenstand aus der Erde ragen und erkennen beim Näherkommen, dass es sich tatsächlich um den Finger einer Leiche handelt, die offenbar zu flach begraben wurde. In ihrem rauschartigen Zustand flachsen sie, wer von ihnen sich mit ihr verheiraten möge und der Bräutigam, als der Älteste, steckt ihr seinen Ring an den Finger und spricht dreimal die heilige Eheformel. Kaum fertig, steigt die Leiche einer Frau empor, breitet die Arme aus und fordert ihr Recht als Braut ein. Die drei rennen um ihr Leben und verrammeln zu Hause Türen und Fenster. Am nächsten Tag aber, pünktlich zur Trauungszeremonie, erscheint die Leichenbraut in der Versammlung und fordert ihr Recht. Die Menge stiebt auseinander. Nur der Rabbi bleibt ruhig und lässt sich von der Leichenbraut ihr Anliegen erklären. Der Bräutigam, der sich hinter Rabbis Rücken versteckt hatte, muss diese Aussage bestätigen. Daraufhin ruft der Rabbi den Rat der Gelehrten zusammen. Alle Zeugen werden angehört. Das Recht der Leichenbraut wird ausdrücklich bestätigt, aber mit drei Gegenargumenten wird die Ehe schließlich doch für nichtig erklärt: Erstens haben die Eltern des Brautpaares sich gegenseitig schon vor der Geburt der Kinder einen Verlobungsschwur geleistet – und ein Eid darf keinen früheren brechen. Zweitens habe der Bräutigam seine Eidesformel ohne Intention geleistet und am schwerwiegendsten: Der Tod hat kein Recht auf das Leben.
Mit diesem Kernsatz ist alles gesagt, was der ARI uns sagen will. Die Leichenbraut sinkt nunmehr endgültig tot zusammen. Ihr wird noch die Ehre einer zeremoniellen Beerdigung zuteil, aber „deutlich tiefer, damit sich das Geschehene nicht wiederhole“. (Zu lesen ist die putzige Geschichte leider nur auf Englisch in ISBN 0-19-506726-6: „Lilith’s Cave“, herausgegeben von Howard Schwartz.)

Natürlich hatte der ARI ebenfalls nie die Absicht, seine Lehren niederzuschreiben, weil er wusste, dass Geschriebenes zum Lügen neigt, doch wurde das eine oder andere von seinen Schülern später doch zu Pergament gebracht. Dennoch galt die feste Vorschrift, dass bei Strafe der Exkommunikation keines dieser Bücher jemals das Heilige Land verlassen dürfe und so war es schon eine Art Schmuggel, als 1772 ein paar dieser Schriften in Schowkwa, in der östlichen Ukraine bei Lemberg (Lwow) auftauchten und dort die Entstehung des neuzeitlichen Chassidismus begründen halfen.
Russen und Juden – das ging oft auch nicht so gut. Als den Zaren die Politik zu heiß wurde, wandten auch sie das spanische Prinzip an und ließen das Volk von der Leine. In Russland hieß das organisierte Killen von Juden nicht Inquisition sondern Pogrom, lief auch deutlich ungeordneter ab, aber auf dasselbe hinaus.
In dieser Zeit und in diesen Tagen erwachte die alte Geschichte des Rabbi Luria, des ARI von Safed, wieder zu einem Leben, wenngleich sie auch etwas abgeändert tradiert wurde.

Während eines Pogroms – so wird da erzählt – zerrte man die Braut auf dem Weg zur Hochzeit aus ihrer Kutsche und tötete sie. Der schönste Tag ihres Lebens sollte es werden und wurde doch ihr Todestag. Später findet ein junger Bräutigam den herausragenden Finger und probt daran sein Ehegelöbnis. Es folgen die nunmehr hinreichend skizzierten Verwicklungen. Doch in dieser Fassung kommt es zu einem Kompromiss: Die Leichenbraut überlässt den Bräutigam der lebenden Braut, und diese schwört dafür, ihr künftiges Leben im Angedenken der Leichenbraut zu führen, sie quasi spirituell an ihrem Eheleben mit teilhaben zu lassen. Hier klingt die kabbalistische Tradition mit mehreren Seelen in einer Brust sogar noch deutlicher an – aus dem Abwehrmärchen des Rabbi Luria ist ein Anschauungsmärchen geworden.

Das Motiv taucht noch öfter auf – in Baud /Frankreich hörte ich eine ähnliche Tradition um die Venus von Quinipily, die dort herumsteht. Möglicherweise ist es dieselbe Tradition, die Prosper Merimeé zu „La Venus d’Ille“ inspiriert hat. Die englische Wikipedia kennt auch noch eine monastische und eine pietistische Tradition, die mir beide unbekannt sind.

Mit anderen, ähnlichen Märchenmotiven z.B. um den Tannhäuserkreis, verbindet die Geschichte das Motiv, dass Totes bzw. Dämonisches nach Lebendigem greift und – oft durch einen Leichtsinn – sich die Grenzen öffnen. Es unterscheidet sich aber durch die persönliche Art der Beziehung (eben keine Göttin oder Dämonin, sondern eine spezifische Frau) und durch die Klarheit des Ausgangs zugunsten der Lebenden.
Gerade mit diesem letzten Aspekt findet man sich nach dem Film nur etwas mühevoll ab – hat man doch in der Regel die weit größeren Sympathien zu der melancholisch-witzigen und bei allen Selbstzweifeln, die sie (das Bonmot sei erlaubt) zerfressen, doch sehr selbstbewussten Leichenbraut aufgebaut.

Wie das im Gesamtvergleich sehr seltene Motiv der Legende zu Tim Burton fand, weiß ich nicht. Formal greift er die Kunst des Expressionismus auf, diese scherenschnittartigen völlig überzogenen Hintergründe, wie sie in den ersten expressionistischen Filmen, den Golem-Filmen von Paul Wegener (1915 / 1920), vorgegeben wurde. Während zudem das Schmetterlingsmotiv noch einmal auf die Morde in Russland verweist – dort gab es im Chassidismus auch diesen Glauben, dass eine ermordete Braut als Schmetterling weiterlebe – so nimmt Burton doch in seinem Film jede politische Exponente aus der Kausalkette und zeigt die Geschichte der Ermordung der Braut als eine private Tragödie zwischen Liebe, Ungehorsam und Geld bzw. eben keinem Geld. Er erzählt damit nicht einfach eine alte Legende, sondern er erschafft im Bewusstsein einer jahrtausendalten Tradition eine neue, eine eigene. Genau das macht einen Teil der Kraft seiner Geschichte aus. Sie wirkt wie eine Liebeserklärung an eine verbotene Frucht.
Das nur scheinbare Puppenspiel wirkt dabei als ein Schrei im hauchzarten Gewand, der an jener Stelle seine höchste Intensität erreicht, wo der von Entscheidungsnot gebeutelte Held mit der Corpse Bride während eines Klavierstücks die gemeinsame Harmonie entdeckt, die ihn mit der besitzergreifenden fremden und doch so nahen Seele verbindet, vor der ihn bis dahin ein eisiger Schauer fliehen hieß. Es sind drei Sekunden voller Möglichkeiten, bis das Stück auch hier in Pirouetten zerbricht und vom Fortgang der Handlung zermahlen wird.

Auf eine Sache soll noch kurz eingegangen werde, auch wenn es in anderen Rezensionen zum Thema schon bis zum Verdruss aufgebügelt wurde: Anders als in „Nightmare Before Christmas“ stellt Tim Burton in „Corpse Bride“ die Verhältnisse ja quasi auf den Kopf: Die „Obere Welt“ ist grau und schattig, die „Untere Welt“ der Toten dagegen farbig und lustig, kurzum: voller Leben. Inspiriert wurde Burton nach eigenen Angaben von der englischen Fernsehserie „Upstairs – Downstairs“, die ich mir daraufhin angesehen habe, insofern es Youtube hergab. Ich konnte in diesem Familienepos über Herrschaften, die „oben“ wohnen und Dienerschaften, die „unten“ hausen diese klare Einteilung von Boredom & Fun so nicht finden, wenngleich natürlich das Prinzip erkennbar ist. Burtons Werk dagegen ist ein quietschebunter Apell, das Leben nicht bis ins Jenseits hinauszuschieben. Die Lehrer des Sohar warnten eindringlich vor einer Vertauschung, wie sie Tim Burton vornimmt. Im dritten Folianten (176a) wird solchen Leuten gar das Schicksal Korahs aus 4. Mose 16 angedroht: Die Erde wird sich auftun und sie verschlingen!
Aber was dann im Fortgang der Ereignisse alles Interessantes passieren kann, hat der Meister ja schon schon ausgemalt.
Und so bleibt nur noch der wohl bekannteste Ausspruch Rabbi Hillels anzufügen:
„Wenn Du nicht für Dich bist – wer ist es dann? Wenn aber Du nur für Dich bist – was bist dann Du? Und wenn nicht jetzt – wann dann?“

Nun aber genug von den Kabbalisten und ihren Vor- und Nachfahren. Erleben Sie die „Corpse Bride“ und stellen sie danach auf einen Ehrenplatz in Ihrer Sammlung!

Tüchersfeld im Januar 2009-01-29 Reinhard W. Moosdorf






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