Jörg Burkhard

DER GROSSE ROMAN

Lyrik. Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön. ISBN: 3-929-37523-0

Jörg  Burkhard: DER GROSSE ROMAN

Dieses Buch Freunden weiterempfehlen.

Dieses Buch kaufen bei Amazon.de

Buy Jörg Burkhard: DER GROSSE ROMAN at Amazon.com (USA)

Weitere Buchbesprechungen bei Amazon.de.


es riecht nach faulem weihrauch fisch benzol kaiser-kanzler-krupp & natowetter deutschlandeutschland überall / in der welt sowie im all ideales luftschlagwetter balkanwetter kaukasuswetter –in afrika ist immer gutes wetter. schönwetterwetter schönwetterluftschläge schönwetterverbände schönwettervergeltung schönwetterendsiege blitz-aus-heiterem-himmel schönwettermassaker schönwetterpogrom WIR LIEBEN DEN KRIEG wir WETTEN DASS der krieg bloss die fortsetzung des friedens mit anderen mitteln ist„ – Jörg Burkhard schreibe keine Sätze, in denen man sich wohlfühlen könne, sagte Hans Thill 1993 zutreffend im Heft 45 des Magazins <>, das diesem Underground-Literaten gewidmet war. Jörg Burkhard ist 1943 in Dresden geboren, lebt aber seit 1945 in Westdeutschland, heute in „highdelberg„. Dort leitete er von 1968 bis 1980 die Buchhandlung „Fahrenheit 451 poesie + politik„, die u.a. auch Charles Bukowski und Allen Ginsberg besuchten. In dieser Zeit veröffentlichte Burkhard bei Wunderhorn erste Gedichtbände, darunter <> und <>. Doch Gedichte in der Form der traditionellen Lyrik mochte er nicht länger schreiben. Seit 1980 produziert er GELD, nach seiner Definition: „general electric language districts im elektroakustischen selbstverlag live nichts Bleibendes schaffen„. Burkhard entzog sich früh den Strategien des Literaturbetriebs; im Unterschied zu manchen seiner bekannteren Kollegen aus der Protest-Literatur der 60er Jahre legte er es nie darauf an, früher oder später „quasselquartettkompatibel„ (Junge Welt) zu schreiben. Das bewiesen <>, <> und <>, seine Publikationen aus den 90er Jahren im Peter Engstler Verlag, und das zeigt auch sein jüngstes, ebenda erschienenes Buch <>. „Roman„, da beginnt schon der Sprachwitz, meint kein Prosawerk, sondern den Protagonisten Roman Meggle, der als „kollumnist bei der ´VOLLBECLOPPTENBURGER´„ arbeitet, gegen die 100-Kilo-Körpergewichtsgrenze ankämpft und sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt. Doch Burkhard liegt es fern, die Vorstellungswelt der LeserInnen auf einen linearen oder anderswie durchkomponierten Handlungsverlauf zu trimmen. Die 41 Kapitel seines Anti-Romans wuchern asianisch in alle möglichen Richtungen. Auch im Ideologischen. Denn so hart Burkhard z.B. in dem eingangs zitierten Passus mit der Deutschland- bzw. der Natopolitik ins Gericht geht, so hart fährt er auch den 68ern an den Karren: „diese linke szenerie damals war doch ein unglaublich ignoranter gehässiger moralisierender kleinkarierter eloquenter besserwisserhaufen„. Das politisch Inkorrekte ist für diesen Spracharbeiter eine Spielwiese, auf der er sich nicht scheut, Fettnäpfe auszuweiden, Breitseiten anzubieten und bis ins Grobianische vorzustossen. „Tote Fische schwimmen mit dem Strom„, lautet eine geradezu programmatische Kapitelüberschrift. Doch es geht nicht nur um die Demontage von Leitbildern aus dem Mainstream, sondern auch um die Aggression gegen die Ikonen des Bildungsbürgertums und seiner akademischen Ableger. Die Begegnung zwischen Martin Heidegger und Paul Celan – die Texte, die sie bezeugen, gehören zu den inzwischen standardisierten Hochseilakten des germanistischen Seminars – unterwirft Burkhard seinem typisch subversiven Umgang mit sanktionierten Grössen der Literatur- und Geistesgeschichte. Schärfer noch verfährt er mit Ernst Jünger, für den Roman Meggle praktisch nichts mehr übrig hat: „roman erhob sich aus sessel & pisste ins bücherregal –das macht er jedn tach –wie 1 hund –immer an die gleiche stelle –ernst jünger? –genau!„ Grössen, die zur Verklärung, aber auch zur Identifikation verleiten, provozieren Burkhard. Das Identitätsdenken ist sein liebstes Ziel: „identitätärä bumm bumm„. Deshalb wird kein Leser, keine Leserin des <> ungeschoren davonkommen. Doch Burkhards Hauptattacke gilt der deutschen Sprache, - als schände er mit ihrem Leib die ganze schwere Geschichte Deutschlands. So, wenn er durch Einblendungen geschichtliche Epochen in oft verstörender Weise zusammendenkt; z.B. in dem Einsprengsel „freude schöner goebbelsfunken„, das Schillers bzw. Beethovens berühmte Versöhnungshymne mit der Nazi-Propaganda kurzschliesst. Oder wenn er durch Verletzungen des orthographischen Regelwerks, Verballhornungen, semantische Unterminierungen etc. an der Sprache selbst operiert: „m1 kabriomesser„ gibt seiner Wut auf die Planierung der Natur für die Protzmaschinen des Verkehrs Ausdruck, „börsiacken„ martialisiert die Börsenmakler oder „kristdemokroaten„ zeigt im formal manipulierten Begriff dessen inhaltliche Grenzen auf. Burkhards Collagen vermitteln zudem einen Einblick in den Think-Tank dieses Anti-Autors; wie wenn man einen Blick auf den Arbeitstisch eines Künstlers wirft. Die sprachschöpferische Radikalität von Jörg Burkhard aber steht auf weiter Flur allein da. Wir müssen ihm, selbst wenn die Magengrube mitunter schmerzt, dafür dankbar sein, dass er auch unsere festgefahrenen Denkbahnen immer wieder von ganz unten zu sprengen weiss.

Florian Vetsch






Bücher neu und gebraucht
bei amazon.de

Suchbegriff:


eBay


Bücher gebraucht oder neu bei booklooker.de
Autor:
Titel:
neu
gebraucht

Ihr Kauf bei unseren Shop-Partnern sichert das Bestehen dieses Angebotes.

Danke.


Weitere Rezensionen in der Kategorie: Lyrik  



Partner-Shop: Amazon.de

DER GROSSE ROMAN Amazon.de-Shop
Jörg Burkhard: DER GROSSE ROMAN

Partner-Shop: Amazon.com (USA)

Buy Jörg Burkhard: DER GROSSE ROMAN at Amazon.com (USA)

carpe librum ist ein Projekt von carpe.com  und © by Sabine und Oliver Gassner, 1998ff.

Das © der Texte liegt bei den Rezensenten.   -   Wir vermitteln Texte in ihrem Auftrag.   -   librum @ carpe.com

Impressum  --  Internet-Programmierung: Martin Hönninger, Karlsruhe  --  19.06.2012