Edward Bunker

Mr. Blue, Mad Dog McCain und andere Randgestalten - ein Autorenporträt

Krimi. Heyne, München. ISBN: 3453199200

Rock'n'Roll Reading bei Filthy MacNasty's
Edward  Bunker: Mr. Blue, Mad Dog McCain und andere Randgestalten - ein Autorenporträt

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Eine Handvoll Strauchdiebe, ein Grüppchen Hausbesetzer sowie ein Dichter mit rahmenloser Brille und Notizbuch, dahinter noch ein Taugenichts, finden sich an einem schwülen Sommerabend im Hinterzimmer von Filthy MacNasty’s Café ein. Filthy MacNasty’s - unweit King’s Cross, wo um diese Zeit Huren und Zuhälter in Neon-Imbiss-Stuben bei Espresso die Frühschicht planen - ist mehr ein Pub als ein Café, riecht mehr nach Filz und nassen Socken als nach Milchkaffee und After-shave. Nicht nur die Bedienung inspiziert einen hier, als wolle sie dem Namen des Establissements gerecht werden. Der Laden gehört dem Ex-Pogues-Sänger Shane MacGowan, jenem Iren mit diesem Gebiss, das darauf schließen ließ, dass der Mann Zahnpasta und -ärzte nur aus Erzählungen kannte. An einem stickigen Abend wie heute rekeln sich die Stammkunden auf Bänken vor der Tür, an Tischen mit leeren Gläsern, zerrissenen Rizla-Päckchen, zerknüllten Zigarettenschachteln.

Die Gruppe Leute im Hinterzimmer ist nicht hier, um gemütlich ein Bierchen zu zischen, auch nicht, um zwei Häuserblocks weiter eine Bank zu stürmen oder ein weiteres, ach was, das ganz große Ding auszuhecken - sie alle haben sich in Filthy MacNasty’s Café zu einem Abend Vox’n Roll eingefunden. Vox, die Stimme, ist noch nicht anwesend, aber der Sound rollt schon: Street Fighting Man, Play With Fire und andere Rohdiamanten aus der Frühzeit der Rolling Stones klirren aus zu kleinen Boxen. Alle warten auf Edward Bunker, den Mann, der in Reservoir Dogs den wortkargen, mürrischen und beim Banküberfall schnell abservierten Mr. Blue spielte. In echt kalifornischem Stil kommt er heute abend mit anderthalb Stunden Verspätung. Händeschüttelnd begibt er sich zu dem vor einem zugemauerten Kamin aufgestellten Rednerpult. Über dem Kamin, dort, wo in anderen Pubs ein ausgestopfter Hirschkopf prunkt, hängt im Filthy MacNasty’s ein Karabiner an der Wand. Vor dem Mann liegt sein vierter Roman. Es sudelt lauwarm und pochend aus Dog Eat Dog (ISBN: 0-312-14314-1). Die Gewalt wird so nackt und brutal dargestellt, wie man - Opfer wie Täter - sie erlebt. Nichts für zarte Gemüter. Kein Abfeiern misanthropischer Phantasien eines Brat-Pack-Schmierfinken, sondern nur ganz schlicht die Realität, wie sie Eddie Bunker kennengelernt hat.

Bunker, 1933 in Hollywood geboren, wanderte zehnjährig das erste Mal in eine Strafanstalt, mit sechzehn verkaufte er Drogen, mit siebzehn war er der jüngste Sträfling in San Quentin. Johnny Cash kam und sang, Edward Bunker musste weiter einsitzen. Bis Mitte der siebziger Jahre verbrachte er die meiste Zeit seines Lebens in Zuchthäusern. Hier lernte er die Charaktere kennen, die schon Dostojewski in Sibirien faszinierten und fesselten, hier lauschte er der Schreibmaschine des zum Tode verurteilten Caryl Chessman. Das - und die Lektüre von Albert Camus’ Essay Die Guillotine - motivierte, schärfte die Sinne.

Jahre später studierte Quentin Tarrantino Edward Bunkers Drehbücher in Robert Redfords Sundance Institute. Als Statist wirkte Bunker in über dreißig Filmen mit, zum Beispiel neben Dustin Hoffman in Ulu Grosbards Straight Time, in Walter Hills Long Rider von 1980, in Runaway Train, Fear - und natürlich Tarrantinos Reservoir Dogs. Der Weg dahin war lang und steinig.

Nach einer Messerstecherei mit einem Wärter in einer Jugendvollzugsanstalt, nach mindestens einem Banküberfall, Betrug und Erpressung, nach weiteren Jahren hinter Gitter und einem Eintrag auf der FBI-Liste der 10 most wanted men legte Edward Bunker 40jährig seinen ersten Roman vor: Wilder als ein Tier (ISBN: 3-499-43152-1) beschreibt den Teufelskreis eines Kriminellen aus erster Hand; und konsequenterweise in erster Person. “Ich habe Killer und Mörder kennengelernt”, erzählte Bunker unlängst der Krimi-Gazette Crime Time, “die ersteren wie Raubtiere, die anderen wie Reptilien. Ich habe Massenmörder kennengelernt und Jungs, die ihre Väter umgebracht haben, ganz zu schweigen von Berufskillern und sonstwie harten Typen. Keinen davon würde ich jemals als ‘böse’ in dem Sinne eines von Dämonen Besessenen bezeichnen.” Von James Ellroy (für dessen Polizeiroman Hügel der Selbstmörder (ISBN: 3-548-23160-8) Bunker unlängst das Drehbuch geschrieben hat) als “Krimi-Klassiker der letzten dreißig Jahre” gerühmt, von Quentin Tarrantino als “bester in der ersten Person geschriebener Krimi”, wurde Wilder als ein Tier bereits vor über zwanzig Jahren mit Dustin Hoffman als Straight Timeverfilmt. Bunker selbst schrieb das Drehbuch.

Am selben Tag, an dem Bunker, nach fünf Absagen das in Zuchthäusern geschriebene, viel gepriesene Debüt verkaufte, brachte er auch seinen ersten Essay an den Mann - War Behind Walls, seinen Augenzeugenbericht über Aufstände in San Quentin. Das war 1972. Frisch aus dem Knast (diesmal wegen Drogenhandel) entlassen, wurde er zur selben Zeit von einem Helikopter und fünf randvoll mit Cops gefüllten Einsatzwagen dabei ertappt, wie er in Los Angeles eine Bank überfiel. Wieder im Bunker, diesmal Terminal Island, inzwischen aber von den ersten Veröffentlichungen ermutigt, machte sich Eddie Bunker - nach fünf zurückgewiesenen Romanen und fünfzig Shortstories, nach drei Jahrzehnten der Absagen - daran, Artikel für Harper’s, The New Yorker, die New York Times und die Los Angeles Times zu schreiben. Vor allem aber konzentrierte er sich in seinem nächsten Roman wieder auf ein Thema, das er kennt wie wenige andere: Ort der Verdammnis (ISBN: 3-499-43248-X) dokumentiert die Metamorphose, die einer im Bau durchläuft, will er lebend rauskommen. Hart, trocken und grau wie Beton, auch wenn die Geschichte selbst Parallelen zu der für Stephen King so untypischen Kurzgeschichte Shawshank Redemption aufweist. Wilder als ein Tier ist der klassische Knacki-auf-Bewährung-Roman, Ort der Verdammnis der klassische Knast-Roman.

Sein dritter Roman, Little Boy Blue (ISBN: 0-312-16907-8), im Grunde eine nur schwach maskierte Autobiographie, erzählt die Geschichte eines während dem Zweiten Weltkrieg zwischen Gangs und Gewalt aufwachsenden ‘Problemkindes’ mit zuviel Energie und Phantasie. Große Themen wie der Zweite Weltkrieg toben auf anderen Bühnen, die Nuklearfamilie ist bereits zerfallen, die professionelle Sozialfürsorge stellt im günstigsten Fall bloße Mimik von Verständnis und Wärme dar, kann nicht aufhalten, was der Vater sah - und was Bunkers Grundthema ist: Gewalt erzeugt Gewalt. Norman Bogner bezeichnet es als die konsequente Weiterentwicklung von Huckleberry Finn (ISBN: 3-257-21370-0) und Der Fänger im Roggen (ISBN: 3-462-01539-7).

Aus nüchterner Distanz betrachtet, ist Dog Eat Dog Edward Bunkers erster Roman. Er hat sich hierfür acht Jahre Zeit gelassen. Dog Eat Dog handelt wieder von den Zwangsmechanismen, denen sich Ex-Knackis, Gestrandete und Ungebildete nicht entziehen können, haben sie sich erst in den Netzen außerhalb der Gesellschaft verheddert, ertrinken sie erst in Drogen, Rausch und Rechnungen. Dog Eat Dog ist eine echte Komposition aus Gehörtem, mit der Authenzität von einem, der oft genug dabei war, wenn Menschen ohne mit der Wimper zu zucken nach dem Messer griffen - oder davon erzählten.

Als Bunker heute abend ankommt, ist es im Filthy MacNasty’s so voll wie der Zecher auf dem Bordstein draußen. Der Schweiß tropft von der Decke. Bunker liest von Mad Dog McCain, der sich das Kokain langsam spritzt, während die Matratze Feuer fängt - letzteres nur am Rande erwähnt, da nur am Rande wahrgenommen. Das Abschlachten der Freundin wird von Bunker umso dreidimensionaler in den Raum gestoßen, Mord Numero 2 ist da nur konsequent, genauso das ohnmächtige Wegsacken neben der Leiche, das klebrige Blut überall. Alles so eklig, dass sich mancher Zuhörer einen Weg auf die Straße knufft und boxt. Bunker trägt das mit einer Dichte vor, so messerscharf, dass man hört und fühlt, wie die Klinge auf Widerstand stößt. Und das sind nur wenige Elemente des ersten Kapitels...

Ob Edward Bunkers Naturalismus unterhaltsam ist, ob seine Realität unsere ist, bleibt jedem selbst überlassen. Nackte, irrationale Gewalt, sagen wir ruhig, die Gewalt der Gegenwart, wird selten so packend und fesselnd, da nachvollziehbar beschrieben.

© Matthias Penzel, 1999. Original erschien dieser Artikel in der Frankfurter Rundschau am 20. August 1996






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