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Mit dem Barrayar-Zyklus
schreibt sich Lois McMaster Bujold seit 1986 in die Herzen nicht nur
amerikanischer SF-Fans. Die vielfach ausgezeichnete Autorin verdankt der Space
Opera um den körperlich missgebildeten Miles Vorkosigan vier ihrer fünf Hugo
sowie zwei Nebula Awards. Auch im Fantasy-Bereich hat Bujold mit "Chalions
Fluch" sowie dem mit Hugo und Nebula Award ausgezeichneten
"Paladin der Seelen" Erfolge aufzuweisen.
Der ungewöhnliche Held Miles besticht in seinen Romanen mit Humor und Verstand,
in der traditionellen und rückständigen Kriegergesellschaft der Barrayaner ist
sein scharfer Verstand für den kaiserlichen Geheimdienst unentbehrlich, doch
offiziell wird er als Diplomat und Günstling des Kaisers geführt, der nur
aufgrund seines berühmten Vaters trotz Glasknochen und verkrüppeltem Wuchs in
der körperbetonten Gesellschaft der Barrayaner einen Platz gefunden hat.
Der kluge Miles erhält so einen tragisch-komischen Touch, der ihn sehr
sympathisch macht, man leidet mit ihm, wenn seine spröden Knochen im
ungünstigsten Moment brechen, oder er in der Liebe wegen seines Mangels an
Attraktivität frustriert ist. Seine Karriere im Geheimdienst beginnt, nachdem er
an der körperlich zu schweren Aufnahmeprüfung der Flotte scheitert – um sich
kurze Zeit später unter dem Pseudonym Admiral Naismith eine eigene Söldnertruppe
aufzubauen, die Dendarii-Söldner, die unwissend somit im Dienst des Kaiserreichs
Barrayar steht.
Auch in diesem Sammelband, der die vielfach prämierten Romane "Cetaganda",
"Ethan von Athos" sowie die Novelle "Labyrinth" enthält, wird die Söldnertruppe
von Bedeutung sein. Dieses Mal werden jedoch die Genetik und ihre Folgen und
Auswirkungen für einzelne Personen sowie die gesamte cetagandische Gesellschaft
im Mittelpunkt stehen.
Die Neuauflage des Barrayar-Zyklus in Sammelbänden durch Heyne
ermöglicht es SF-Fans, eine chronologisch geordnete Gesamtausgabe des
Barrayar-Zyklus zu erwerben. Diese sind in sich abgeschlossen, man muss also
nicht gezwungenermaßen bei Band 1 beginnen, zumal jeder einzelne Sammelband
einen anderen Schwerpunkt setzt, wie in diesem Fall auf Genetik. Wer es sich
nicht nehmen lassen will, den Zyklus in chronologischer Reihenfolge zu lesen,
sollte mit den ebenfalls ausgezeichneten Sammelbänden "Cordelias Ehre" und
Der junge Miles beginnen.
Cetaganda
Miles Vorkosigan stellt zusammen mit seinem Cousin Ivan Vorpatril die
Trauerdelegation des barrayanischen Kaiserreichs anlässlich des
Staatsbegräbnisses der Kaiserin Cetagandas, dem Erzfeind Barrayars.
Bereits bei der Ankunft wird ihre Fähre in ein abgelegenes Terminal umgeleitet
und Miles von einem offensichtlich sehr nervösen und ungeschickten Attentäter
attackiert, der auf der Flucht zudem noch einen aufwändig kodierten
Datenspeicher verliert. Miles bittet Ivan, den Vorfall vorerst für sich zu
behalten – denn offenkundig ging dieser Anschlag nicht vom cetagandischen
Sicherheitsdienst aus, der selbst nichts davon zu wissen scheint …
In der Folge lernt Miles die komplizierte cetagandische Gesellschaft besser
kennen, während Ivan sich am liebsten Vorreedi, dem barrayanischen
Sicherheitschef auf Cetaganda, anvertrauen würde, denn auf Miles und ihn werden
immer weitere Mordanschläge verübt. Schlimmer noch: Man findet die Leiche des
Terminal-Attentäters mit aufgeschlitzer Kehle am öffentlich ausgestellten Sarg
der Kaiserin!
Erst die Haud Rian, Hüterin der Sternenkrippe, offenbart Miles die Tragweite der
Ereignisse: Eine Verschwörung gegen das cetagandische Kaiserreich, die auch
Barrayar mit ins Verderben reißen könnte, ist im Gange! Deshalb fordert sie
energisch von Miles den "Schlüssel", den sie in seinem Besitz weiß. Miles ist
zugleich ihre letzte Hoffnung, denn der berüchtigte Sicherheitsdienst kann ihr
nicht helfen, auch er ist in den Wirrwarr aus Verrat und Intrige verwickelt … Es
geht um nichts Geringeres als die Kontrolle über das Haud-Genom, dem die
herrschende Schicht Cetagandas entstammt.
Ethan von Athos
Der Planet Athos ist eine reine Männergesellschaft – es gibt keine Frauen, alle
Männer werden in Uterus-Replikatoren gezüchtet, Homosexualität ist die Norm und
das Recht auf Kinder muss man sich durch soziale Verdienstpunkte erwerben. Doch
dem Männerplanet droht eine Existenzkrise: Die für die Uterus-Replikatoren
verwendeten Eierstöcke altern und sterben ab. Eine Lieferung frischer Eierstöcke
sollte dieses Problem lösen, doch man hat die Athosianer hereingelegt: Totes
Gewebe, teilweise von Kühen und anderer Unrat wurde ihnen für eine horrende
Summe angedreht. Dr. Ethan Urquhart, Leiter der Abteilung für reproduktive
Biologie, soll den Fall auf der Raumstation Kline klären und unter allen
Umständen umgehend neues Gewebe für die Replikatoren besorgen.
Ethan ist mit dieser Aufgabe völlig überfordert: Er wird als Schwuchtel und
Perversling verprügelt, kommt mit der fremdartigen Umgebung einer Raumstation
nicht klar, und zu allem Überfluss gibt es auf dieser auch noch Frauen!
Völlig verstört und eingeschüchtert, wird Ethan von der hübschen Eli Quinn von
den Dendarii-Söldnern unter ihre Fittiche genommen. Denn seltsamerweise hat auch
der cetagandische Geheimdienst Interesse an der Lieferung für Athos und beginnt
mit der Jagd auf Ethan. Eli findet heraus, dass es ihnen um das Genmaterial des
entlaufenen Klons Terrence Cee geht, der sich angeblich auch auf der Raumstation
befindet – und tot oder lebendig für den Geheimdienst von höchster Bedeutung ist
…
Labyrinth
Miles soll in seiner Tarnidentität als Admiral Naismith von den
Dendarii-Söldnern für den barrayanischen Geheimdienst einen Genetiker in
Sicherheit bringen. Leider arbeitet dieser auf Jackson's Whole, dem korruptesten
Gangsterloch der ganzen Galaxis, für eines der hohen Häuser. Diese aus
Verbrechersyndikaten hervorgegangenen Pseudoaristokratien stellen die recht
eigenwillige "Regierung" dieser Welt. Traditionell widmen sich die Häuser
bevorzugt einem Gebiet, das von Waffenhandel bis hin zur Prostitution reichen
kann – oder eben der Schaffung künstlicher Lebewesen ohne moralische
Einschränkungen jeglicher Art.
Seine Mission bringt Miles in Kontakt mit den Baronen und ihren bedauernswerten
Opfern. Bei der Rettung des Wissenschaftlers stellt sich dieser ebenfalls als
Scheusal heraus, entgegen seinen Anweisungen befreit Miles eines seiner
"Experimente", nebst der von den Baronen als einer Art exotisches Schaustück
gehaltenen Quaddie Nicol.
Geheimagenten und Genetiker
Man mag es kaum glauben, aber zwischen "Cetaganda", dem neuesten der drei
Romane, und "Ethan von Athos" liegen ganze elf Jahre. Die Thematik dieses
Sammelbandes ist trotzdem erstaunlicherweise aus einem Guss, alles dreht sich um
Genetik und ihre Einflüsse auf Einzelpersonen und ganze Gesellschaften,
vortrefflich demonstriert an dem Kaiserreich Cetaganda, dessen Kultur japanische
Einflüsse aufweist, aber dennoch so vollkommen anders ist. Besonders interessant
fand ich das Machtverhältnis zwischen Kaiser und Kaiserin und ihren
Gouverneuren. Miles wird von der übermenschlichen Schönheit der cetagandischen
Haud-Frauen, die sich normalerweise nur in ihren weißen Energiekugeln quasi
verschleiert zeigen, geradezu geblendet, und darf sich anstelle des Lesers
beängstigt fragen, wohin die Perfektion und Zuchtauswahl der Haud sie führen
wird – Werden sie sich im weiteren Verlauf ihrer Entwicklung überhaupt noch als
Teil der gewöhnlichen menschlichen Rasse ansehen? "Cetaganda" ist mit Abstand
der spannendste Roman des Sammelbands und mein Favorit, der Mix aus
Agententhriller, SciFi und Genetik ist vortrefflich gelungen.
"Ethan von Athos" ist die humorvollste Geschichte, sie entstand bereits vor der
Veröffentlichung des ersten Barrayar-Romans bei Baen Books. So
trägt Ethan einige Charakterzüge des späteren Helden Miles; mit der smarten Eli
Quinn, die bereits im ersten Sammelband Plasmaverbrennungen im Gesicht erlitten
hat, taucht zudem eine dank betanischer Biotechnologie wiederhergestellte
strahlende Schönheit auf, die in einer ursprünglichen Konzeption der Serie wohl
Miles Gefährtin hätte werden sollen. Neben der amüsanten Männergesellschafts von
Athos gefällt vor allem der Kontrast zu der Raumstation. Originell stellt Bujold
das Leben an Bord von Station Kline dar: So machen sich Eli und Ethan des
Öfteren die Sicherheitsorgane der Station zunutze, fingieren einen Brand oder
geben der Biokontrollwartin der Station Hinweise auf eine eingeschleppte
Krankheit oder eine Kakerlake, auf die sie sich mit dem Zorn und Eifer einer
Furie stürzt. Mit der Ernährung an Bord der Station hat Ethan auch einige
Probleme, werden doch tote Menschen zum Düngen der Pflanzenkulturen verwendet,
ebenso scheint die Speisekarte fast nur aus Wassermolch zu bestehen:
Wassermolch-Creole, Molch-Mousse in Aspik, gebratene Wassermolcheier, Molch mit
Fritten oder Molch im Topf hängen allerdings auch den Stationsbewohnern zum Hals
heraus, welche die in der atmosphärischen Wiederaufbereitungsanlage als
Nebenprodukte entstandenen Molche massenweise als Froschschenkel an
planetarische Restaurants verkaufen.
Doch es geht nicht nur abstrus und lustig zu auf Station Kline, denn Oberst
Millisor vom cetagandischen Sicherheitsdienst versteht überhaupt keinen Spaß –
ohne die smarte Eli hätten der gesuchte Klon Terrence sowie Ethan keine Chance.
Hier setzt auch meine Kritik an, denn Eli ist nicht ganz so sympathisch oder
glaubwürdig wie andere Figuren; wie viele weibliche Hauptfiguren Bujolds (wie z.
B. Miles Mutter Cordelia) ist sie ein wenig zu perfekt, wo bei den männlichen
klare Schrullen und Macken vorhanden sind. Der Spaßfaktor überwiegt in dieser
Geschichte den Thriller-Anteil, allerdings ist Bujolds Humor wirklich köstlich
genug, um die durch die Blödelei etwas fehlende Spannung zu kompensieren.
Der Titel "Labyrinth" enthält eine Anspielung auf den Klon, den Miles aus seinem
Kerker befreit: Taura ist eine Mischung aus Mensch und Stier – quasi ein
Minotaurus, ein gezüchteter Superkriegerprototyp, der leider nicht zur
vollständigen Zufriedenheit ausfiel. In dieser Novelle wird die Skrupellosigkeit
von Wissenschaftlern im Dienst noch skrupelloserer Verbrecher, den Baronen des
verkommenen und ultrakorrupten Planeten Jackson's Whole, angeprangert. Aber auch
normale Menschen sind gegenüber exotischen Wesen herablassend oder reduzieren
sie auf den Status eines Lustspielzeugs, wie es Baron Ryoval mit der Quaddie
Nicol tut. Quaddies sind übrigens beinlose, dafür vierarmige Menschen, die an
Nullgravitation angepasst wurden. Auch auf Miles wirkt Taura sehr befremdlich,
aber er selbst ist an Gehässigkeiten und herablassende Kommentare wegen seiner
körperlichen Defizite gewöhnt; gerade auf Barrayar wird alles von der Norm
Abweichende abgelehnt. Darum setzt er alles daran, nicht nur sie, sondern auch
Nicol zu retten.
Um seinen Auftrag, den Genetiker sicher nach Barrayar zu bringen, zu erfüllen,
muss Miles sich auf einige krumme Deals mit den Baronen Fell und Ryoval
einlassen und sie gegeneinander ausspielen – was gar nicht so einfach ist, denn
auch wenn man sich untereinander inoffiziell um die Macht rangelt, von einem
dahergelaufenen Söldnerkommandanten lässt man sich nun wirklich nicht an der
Nase herumführen – und so landet Miles schließlich im Labyrinth bei Taura …
Als Novelle ist Labyrinth nicht ganz so umfangreich wie die beiden
vorhergehenden Romane, die Geschichte passt dennoch hervorragend in das große
Thema des Romans, die Genetik, und setzt dabei wieder andere Akzente. War
Cetaganda spannend und faszinierend, Ethan von Athos vor allem
humorvoll, macht das Labyrinth in erster Linie nachdenklich.
Unterhaltsamer kann eine Space Opera kaum sein
Lois McMaster Bujold wurde und wird nicht umsonst mit Auszeichnungen überhäuft.
Sie hat ein Talent als Geschichtenerzählerin, das seinesgleichen sucht. Mit
Miles Vorkosigan hat sie einen liebenswerten Antihelden geschaffen, dessen
Abenteuer einen unwiderstehlichen Mix aus Science-Fiction, Agententhriller und
Komödie bieten. Ihr Sinn für Humor und die ironische Weise, in der die
Charaktere in ihren Dialogen Ereignisse kommentieren, sind einfach köstlich.
Neben einer Sternenkarte sowie einer nützlichen Zeittafel des Zyklus enthält der
Sammelband auch ein aufschlussreiches Nachwort der Autorin. Für die exzellente
Übersetzung zeichnet wieder einmal Michael Morgental verantwortlich, der bereits
zahlreiche andere Romane des Barrayar-Universums übersetzt hat. Ebenso
zahlreiche in den Originalausgaben vorhandene (Sinn-)Fehler der Übersetzung
wurden für "Gefährliche Missionen" dankenswerterweise korrigiert.
Ich kann die Barrayar-Sammelbände jedem SciFi-Fan nachdrücklich empfehlen. Man
erhält nicht nur in Deutschland schwer erhältliche Novellen aus dem
Barrayar-Universum; die Möglichkeit, eine hervorragende Neuausgabe dieser mit
Preisen wahrlich überschütteten Serie zu erhalten, sollte man sich nicht
entgehen lassen. Wie auch die anderen Barrayar-Romane konnte ich dieses Buch
einfach nicht aus der Hand legen.
Der Titel "Gefährliche Missionen" ist vermutlich eine Last-Minute-Entscheidung
des Verlags, ursprünglich wurde der dritte Barrayar-Sammelband mit "Cetaganda"
tituliert, deshalb findet man selbst auf den Seiten des Verlags "Gefährliche
Missionen" noch mit dem alten Covertitel "Cetaganda".
Die offizielle Homepage der Autorin:
http://www.dendarii.com/
Michael Birke [10.07.2005]
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Danke.
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