Helwig Brunner

gehen / schauen / sagen

Lyrik. Steirische Verlagsgesellschaft, Graz. 108 Seiten. 14.40 EUR . ISBN: 3-85489-065-6

Die Umwelt überschrieben. In den Texten des Grazer Dichters Helwig Brunner klingt die Frage mit, ob die Lyrik die Natur braucht
Helwig  Brunner: gehen / schauen / sagen

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"Die Natur braucht sie natürlich nicht" protestiert der technophile Zeitgeist, Bürger eines postindustriellen Überbaus, der Zerreissproben nicht standhalten darf und Zerrissenheiten seiner Art im Papier finden will. Aufgemischt mit Stadtrandfetzen, Melancholie und bestenfalls im zeitgerechten Slang soll es sein.
Dass "Mode" in die Kunst gerutscht ist - gewisser Stil Mode geworden ist - abzustreiten, wäre eine Verkennung der Funktionsweise des literaturtheoretischen Betriebs "Wie mache ich den Schreiber zum Meinungsmacher über Stil?" Im Auge muss dabei gehalten werden, was das Zeitalter uns ebenso aufgibt: Die Stile sind so zerrissen, vielfältig und unterschiedlich wie die subjektiven Umwelten, in die der Schreiber sich wirft. Das "Mass aller Dinge" ist lange schon flöten gegangen. Und Helwig Brunner ist einer von denen, die sich nicht beeindrucken lassen. Lyrisches Ich und lyrisches Du darf es ebenso geben wie grammatikalisch korrekte Sätze, solange der musikalische Duktus nicht gestört wird. Für den Band "gehen / schauen / sagen" hat er den Ernst Meister-Förderpreis erhalten.

"Ökotexte"

In den späten Fünfzigern und Sechzigern war Naturlyrik zu "Ökogedichten" mutiert. Orte ästhetischer Erfahrung waren nicht mehr das "Naturschöne" als reine Natur. Sondern Wahrnehmung ohne Zugzwang, alles "Störende" zu integrieren, machte sich der Nicht-Authentizität verdächtig. Meilensteine setzten Brecht mit seinem "Gespräch über Bäume", das "fast ein Verbrechen ist" und Erich Fried mit seiner Replik auf Brecht ("In Vietnam sind die Bäume entlaubt / (...) In Vietnam sind die Kinder tot"). Dann ist es recht still geworden um eine "Subgattung" im theoretischen Diskurs.

Aber die Umwelt bleibt natürlich. Also auch die Umweltgedichte. Das Beschreibungsobjekt ist geblieben, auch im je eigenen Kontext des Schreibers. Es darf dann auch "naturschön" sein. Mit Helwig Brunner hat Naturdichtung einen Exponenten gefunden, der sich als doppelter Fachmann auszeichnet. Der "Naturschützer" geht tagein, tagaus in die Natur und wieder aus ihr heraus. Sie hat die Doppelfunktion von Lebensraum und "Patientin" inne.

Die Umwelt überschrieben

Naturbeschreibung heutzutage gleichzusetzen mit "Verklärung" oder Romantik bedeutet eine Verkürzung der Wahrnehmung auf das "böse Industrielle" als Eindringling oder auf Ignoranz desselben. Brunner dagegen benutzt Natur nicht metaphorisch, um über Seelenzustände zu schreiben. Vielmehr markiert seine Literatur eine starke Abkehr von der Romantik, ohne wie die Nachkriegsdichter seit den 50ern ein Problem damit zu bekommen, dass ein Baum blühen kann.

Beschreibungen wie "Der Vogel ist sein bisschen Stimme, / das klingelnd aus den Schlacken fällt, / hierher wie zum Schweigen gebracht" zeigen das Schöne inmitten des Profanen. "Springkraut, Götterbaum, Kanadische Goldrute /" sind in einer gebrochenen Landschaft dargestellt, nämlich "in ärmlich aufgeschossener Gesellschaft, kälte- / welk und uniform." Dabei evozieren die Beschreibungen immer auch die Wahrnehmung einer Möglichkeit zur heilen Natur darunter.

Wer tötet wen

Brunners Ton, in dem eine Melancholie oft genug nicht zu überhören ist, klingt trotzdem nie verbittert. Er ist leise. Mit ihr korrespondiert das Bewusstsein, wer auf lange Sicht wen töten kann. Das Handy etwa darf in den Teich fallen - die Natur das Technophile beschmutzen, zerstören. Wobei: Das Technophile, die Industrie, das kommt ja vom Menschen.

Sehr gelungen ist die Gestaltung der Kehrseite von einer Depression am Industriellen. Das Patchwork der Perspektiven auf die Wirklichkeit wird jedenfalls immer integriert, so dass kein Programm entsteht, mit dem der Dichter es richtig machen will. Wir haben es (nur) mit einem Kompositionsprozess zu tun, weiss der studierte Musiker. Dieser ist nichts anderes als "stückweise also zusammen- / setzen eine Wirklichkeit, wie festgemacht an / Wirkungen."

Das Gedicht braucht die Plätze, an denen zu atmen ist. Das scheinen diese Texte zu sagen. Marietta Böning






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