Pascal Bruckner

Diebe der Schönheit

Roman. Aufbau Verlag, ISBN: 3-351-02845-8

Pascal  Bruckner: Diebe der Schönheit

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Von der Ungerechtigkeit des Aussehens

Pascal Bruckners Roman „Diebe der Schönheit“

Seien wir Männer doch mal ehrlich. Wer hat nicht schon voller Boshaftigkeit, gerade im schwellenden Sommer, bei sich im Stillen gedacht: man müßte sie doch alle einfach wegschließen können, wenn wieder eine langbeinige Schönheit ohne wenigstens ihren Blick zu schenken an einem vorbeigeschwebt ist, eben nur den betörenden Hauch ihrer warmen Haut zurücklassend?

Der französische Philosoph und Schriftsteller Pascal Bruckner hat aus dieser schmerzlichen Phantasie einen gekonnt erzählten Roman gemacht, der an Skurrilität und Schauerlichkeit nicht so leicht zu überbieten ist.

Ein junges Pariser Paar strandet mit seinem schneidigen Luxusflitzer auf dem Rückweg aus den Skiferien in den Alpen kurz vor der französischen Grenze in einer Schneewehe, findet aber Unterschlupf in einem nahegelegenen trutzigen Chalet. Dort residiert in formidabler Ausstattung ein alternder Beau, einen quasimodohaften Hausknecht zu Füßen, der sich von seinem Herrn tatsächlich den Nacken kraulen läßt. Was im warmen Kerzenschummer eines angeregten Abends beginnt, wächst sich für Benjamin, den Ich-Erzähler, und seine Freundin Hélène zu einem wahrhaften Alptraum aus. Denn da entdeckt man plötzlich einen felsigen Kellergang...

Mit diesem Benjamin haben wir einen vollkommen talentlosen Schriftsteller, der mit einem in fremdem Auftrag versuchten Victor-Hugo-Imititat fast im Gefängnis landet, bevor er mit einem dreisten Patchwork zu einigem Erfolg gelangt. Mit verbissener Akribie hat er Jahre daran gewendet, zahllose Fadenstücke und Wollfussel aus dem unendlich verschlungenen Knäuel der Weltliteratur zu einem Roman zusammenzuhäkeln, bei dem selbst ein harmloses „Guten Morgen!“ nicht aus dem Garn ist, aus dem es gesponnen scheint.

Nur Hélène, wohlsituierte junge Erbin eines beruhigenden Vermögens, eben examinierte Anthropologin und versierte Büchersammlerin, kommt ihm auf die Schliche. Allerdings nicht in erpresserischer Absicht, sondern aus höchst eigenartigen Motiven laviert sie den an der eigenen physischen und psychischen Verwitterung leidenden Enddreißiger in Maßanzüge, Nobelrestaurants und ein wohlriechendes Liebesverhältnis hinein. Voll erotischer Inbrunst cremt und salbt das mondäne Töchterchen ihren Zögling, der seinen äußerlichen Widerstand schnell aufgibt und hin und hergerissen zwischen überfeinertem Genuß und stiller Wut an den Gitterstäben seines goldenen Käfigs entlangstreicht.

Verborgen hinter einer Radfahrermaske, erzählt Benjamin in der psychiatrischen Notaufnahme eines Pariser Krankenhauses einer jungen Ärztin die aberwitzige Geschichte von Jérome Steiner, dem sinistren Hausherrn jenes Chalets, und seiner abgelebten Frau Francesca. In schöner Überblendung schiebt sich die Blickbahn der frustierten Ärztin über den Bericht ihres Patienten. Allerdings wirken die Passagen über die erotischen Kapricen ihres Liebhabers Ferdinand etwas überkandidelt, zumal Bruckner derlei extravagantes Liebesspiel bereits in seinem von Roman Polanski verfilmten Erstling „Bitter Moon“ zur Genüge auszumalen wußte. Trotzdem bereichert die Figur dieses Liebhabers, der sich anspielungsreich schon mal das Grab des Erotologen Georges Bataille zum Ort der eigenen Ausschweifung wählt, das Panoptikum der hier ausgestellten Obsessionen.

Unterstützt nämlich von ihrem verwachsenen Diener Raymond verfolgen die Steiners ein gleichermaßen grausames wie verzweifeltes Ziel: die Vernichtung menschlicher, vornehmlich weiblicher Schönheit. Zu diesem Behuf entführt das Trio nach jeweils pedantischer Materialsammlung herausragend attraktive junge Damen und kerkert sie für zwei Jahre in den schrundigen Katakomben ihres Chalets ein. Allen bewundernden Blicken entzogen, verwelken die Antlitze der Gefangenen, geraubt von jenen Dieben der Schönheit, die den Verfall der eigenen sexuellen Anziehungskraft nicht verwinden können.

Eine bestialische Philosophie, der auch Benjamin zu folgen droht. Steiner hat es auf Hélène abgesehen, schlägt Benjamin aber einen Tauschhandel vor: Vermöchte er ihm drei junge Grazien aus Paris zu kidnappen, gedächte er Hélène doch noch freizulassen. Der Plan gelingt scheinbar und mißlingt dann doch aufs schlimmste, denn in den Monaten seiner Abwesenheit habe sich, so erzählt man ihm hinterlistig, seine Geliebte schließlich entmutigt von ihm abgewendet. Zerstört überläßt Benjamin sie dem flüsternden Drängen Steiners und wird in das letzte Geheimnis eingeführt. Ein magischer Inhalationsschlauch verströmt den heilsamen Duft der Jugend, der den eingemauerten Mädchen entweicht. Gierig besäuft er sich an diesem Jungbrunnen, um viel später, zurück in Paris, die begrenzte Dauer der zauberhaften Verjüngung entdecken zu müssen. Allein der nervöse Tic eines zuckenden Gesichtsmuskels, der Hélène im Moment der Übermüdung überzog, bleibt haften und entstellt ihn zur Fratze. Die Geschichte der Ärztin scheint dagegen einem versöhnlichen Ende zuzusteuern, auch wenn die letzte Volte nicht verraten werden soll.

Nicht zuletzt lebt die spannungsreiche Fabel von den literarischen Vorbildern, die zwischen den Ritzen der Erzählung durchschimmern. Mit der Bricolagentechnik seines Helden liefert der Roman seine eigene Poetik gleich mit. Wo Frauen ihre Beine spreizen wie Bücher, die man hastig aufblättert, wo Schönheiten vertrocknen wie die Blüte zwischen den Seiten eines Buches - und dergleichen Metaphern sind noch mehr -, da wird man die Vermutung nicht los, es handele sich hier ebenfalls um ein solches Buch aus Büchern. Ohne die Herkunft anzugeben, sind doch zarte Motivanspielungen ausgestreut, etwa auf Oscar Wildes „Dorian Gray“, auf Simone de Beauvoirs „Alle Menschen sind sterblich“ - die Steiners erinnern ein wenig an die nicht immer eifersuchtslosen Kuppelspielchen, die Satre und seine Simone immer trieben. Man denkt an John Fowles „Der Sammler“, an Stokers „Dracula“, und vielleicht darf an dieser Stelle auch aufmerksam gemacht werden auf den sehr zu Unrecht vergessenen Roman „Facial Justice“ (1960) des Engländers J.P.Hartley. Bruckners düstere Vision liest sich streckenweise wie eine Neufassung dieser bösen Satire auf die politischen Verhältnisse im England der 50er Jahre.

Bei Hartley ist ein Staat nach dem dritten Weltkrieg darauf aus, im Namen einer zweifelhaften Gerechtigkeit jede Form von Neid auszumerzen. Natürliche Schönheit avanciert zum Gerechtigkeitsskandal erster Güte; man operiert derart Bervorzugten ein Durchschnittsgesicht auf, schickt sie durch sogenannte Antlitzgleichmachungszentren. Was damals auf die egalitären und nivellierenden Maßnahmen der Labour-Regierung gemünzt war, erhält in einer Zeit geradezu religiös betriebener Liberalisierung aktuelles Gewicht.

So läßt sich Bruckners Roman eben auch als Parabel auf die totalitären Wahnideen ideologischer Systme lesen, die ihre Lebenskraft gerade aus der Entindividualisierung ihrer Anhänger saugen. Hartley, Orwell, vielleicht auch Nabokov mit seiner „Einladung zur Enthauptung“ und seinem „Bastardzeichen“ mögen hier zu einer heimlichen Kulisse zusammengetreten sein, die man sich ruhig einmal (wieder) ansehen sollte.

Oliver Jahn






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