Jan Brokken

Die blinden Passagiere

Roman. Zsolnay Verlag, Wien. ISBN: 3-552-04911-8

Jan  Brokken: Die blinden Passagiere

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Die Niederländer haben in den letzten Jahren eine erstaunliche literarische Renaissance erlebt, von deren Vitalität und Intensität die deutsche Wehleidigkeits-Literatur sich eine Scheibe abschneiden könnte. Neben dem Spätentdeckten Cees Nooteboom mit seinen todesgetränkten Kultbüchern "Die folgende Geschichte" und "Rituale" ist auch der eher pralle Mulisch mit der "Entdeckung des Himmels" hervorgetreten. Den Niederländern ist dabei eine starke Affinität zu Vergänglichkeit, Tod und Reisen gemeinsam. Bei der Reise steht dabei immer wieder die Seefahrt mit ihrem starken Gleichnischarakter der Weite, des Ungefähren und der Gefahr im Vodergrund. Dies trifft auch für den ersten größeren Roman des 1949 geborenen Jan Brokken zu, der alle die obengenannten Metaphern in seinem Buch einsetzt und zusammenführt.

        Der Bilder-Restaurator Maurice Schotel nimmt eine "Auszeit" von einer zunehmend bedrückenden Lebenssituation, die sich nicht an den komfortablen äußeren Umständen festmachen läßt. Der unabhängige Junggeselle mietet sich auf einem Trampschiff von Rotterdam nach Valparaíso in Chile ein, um sich über sich selbst klar zu werden. Den Leser mutet dies anfangs nur wie ein touristischer Spleen an, ist doch eine touristische Kreuzfahrt viel angenehmer. Gleichzeitig schleichen sich zwei junge Polen an Bord, die in Amerika ihr Glück machen wollen, und verstecken sich im Laderaum hinter den Containern. Ein onkel-haft-bärbeißiger Kapitän, ein staubtrockener, mundfauler aber fähiger Steuermann und der introvertierte, schlichte Rudergänger Wimpie stellen das literarische Gerüst der Mannschaft, und Adriana, die Frau des Rudergängers, die das knapp bemessene Recht der Ehegatten-Begleitung nutzt, komplettiert das Roman-Personal.

        Im Folgenden entwickelt sich ein vielfältiges Beziehungsgeflecht zwischen den Protagonisten. Die beiden blinden Passagiere dämmern im Dunkel des Laderaums unter wilden Zukunftsträumen und sentimentalen Rückblenden auf ihre verlassene - noch sozialistische - Heimat dem Dursttod entgegen, Maurice lernt die ihrem Ruder gehenden Manne innerlich längst entfremdete Adriana kennen, sie wiederum sucht geradezu gierig nach neuen Lebensmarken. Maurice verfällt ihr eher der Gelegenheit und einer langjährigen Askese wegen. Beiden ist jedoch eigen, daß sie sich eher treiben lassen als eigene Aktivitäten zu entwickeln. Die Lehrerein Adriana hätte Wimpie, den Rudergänger, längst verlassen sollen, der ihrem Leben keinen Impuls mehr zu geben vermochte. Maurice trauert einer großen Liebe nach, die sich schließlich wegen seiner Unentschlossenheit ihren Familienwunsch mit einem anderen Mann erfüllte. Nur die beiden jungen Polen haben die Tat gewagt und sich unter hohem Risiko aus ihrer Umgebung gelöst. Doch Brokken gönnt ihnen nicht die Moral des "per aspera ad astra". Nur Kintopp kennt ein Happy-End! Die beiden scheitern eher kläglich und lächerlich, doch auch ohne das Pathos eines tragischen oder dramatischen Todes. Maurice und Adriana ketten sich für eine Atlantik-Überquerung aneinander, hauptsächlich während der Wache des Rudergängers, nur um am Ende zu erfahren, daß jeder im anderen den Helfer und "deus ex machina" gesehen hat. Beim ersten Entblättern des wahren Ichs wenden sie sich voneinander ab und kehren wieder in ihr versachlichtes Schneckenhaus zurück.

        Die Geschichte ist undramatisch geschrieben und entwickelt sich langsam wie eine vielwöchige Seefahrt auf hoher See, wo sich die Dinge auch im Tages- und Wochenrhythmus entwickeln. Am Ende stehen alle mit leeren Händen in Valparaíso oder wurden bereits vorher in eine ungeliebte Heimat zurückgeschickt. Selbst Kapitän und Mannschaft, lange Zeit scheinbar eine Konstante dieses Romans, stehen zum Schluß vor einem Scherbenhaufen.

        Die Seefahrt stellt sich als düstere Metapher auf die fragilen menschlichen Beziehungen heraus. Besonders die Bewohner der "zivilen" und prosperierenden westlichen Zivilisationen leben in selbstgewählter Abgeschlossenheit, stolz aber nicht erfüllt. Jeder hängt alten Träumen und Wunschbildern seiner Mitmenschen nach, sucht seine Bestimmung auf ziellosen Fahrten, deren Sinn nur vorgetäuschter ist, und verliert darüber den Blick für die Gegenwart. Larmoyanz und eine gehörige Portion intellektuell und habituell übertünchten Selbstmitleids verhindern jede tiefere Bindung, und so bleibt jeder zum Schluß für sich alleine, von einer Umwelt verlassen, die er selbst längst unwissentlich verraten hat. Doch auch die Revolutionäre und Draufgänger schaffen in dieser bestorganisierten aller Welten den Durchbruch nicht und scheitern an Nichtigkeiten.

        Erfreulich ist die Beiläufigkeit, mit der Brokken diese Geschichte erzählt, ohne jede überladene Symbolik oder Klischees. Auch seine Schilderung von Schiff und See ist eindrucksvoll, vor allem in den düsteren Breitengraden um Kap Hoorn. Das Buch läßt sich auch ohne literarisches Verständnis und Tiefsinn einfach als lebendige Schilderung einer Seefahrt mit einigen "Beziehungskisten" lesen, wenn man es denn so möchte. Dennoch wird sich auch dem unbedarften Leser der Tiefgang dieses Buches nach der Lektüre erschließen, weil die Schlichtheit der Bilder und die Geradlinigkeit der Geschichte einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

        Frank Raudszus


 
 







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