Adrienne Brodeur

Zoetrope - All Story

Kurzprosa. Berliner Taschenbuchverlag, ISBN: 3442761395

Francis Ford Coppolas Hobby: Die Literaturzeitschrift Zoetrope - All Story
Adrienne  Brodeur: Zoetrope - All Story

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Als Francis Ford Coppola und Robert De Niro im Tribeca Grill jüngst zu einer Party erschienen, war der Anlaß kein neuer Film, sondern der erste Geburtstag einer Zeitschrift: Zoetrope - All Story.

NEW YORK. Vertraut man dem, was in den Straßen von Manhattan geschrieben steht, dann wird sich die kommende Generation einer Sache widmen, die hierzulande gerne totgesagt wird: dem Schreiben. Der Beweis findet sich auf fast jedem Mülleimer. Statt für Langnese-Speiseeis prangt auf den Werbeflächen der Metropolitan Transportation Authority Reklame für den Gotham Writers' Workshop. Mit einem Budget, das Michael Jackson erbleichen ließe, preist der Workshop Fernkurse an, Online-Classes und Teenager-Instruktionen für jedes Genre und Bedürfnis: Belletristik, Sachbücher, Memoiren, "Stand-Up Comedy Writing" und jede noch so obstruse Subkategorie modernen Schreibens. Sogar den Kids der Y-Generation bedeutet die Erforschung des Wortes mehr als die - mit McJobs finanzierten - Indien-Trips der Generation X. Selbst MTV, sonst Lieferant für Pop-Muzak mit schillernden Video-Clips, hat schon vor Jahren die Zeichen der Zeit erkannt und zwischen Musikvideoclips Fightin' Wordz präsentiert, Spoken-word-Beiträge von Rappern und Musikern wie Henry Rollins, die damit sogar auf Tour gingen. Poetry-Slams, Wettbewerbe für mündlich vorgetragene Asphalt-Lyrik veranstaltet das Nuyorican Poets Cafe. Besucht und bestritten werden die Slams von Kids, denen man normal kaum zutrauen würde, daß sie sich für mehr als das Sparbuch des Vaters interessieren würden. Hier gehen sie auf die Bühne, um über ihren Alltag - mehr und minder reflektiert - zu reimen und zu rappen. Der Trend der neuen Poeten hat sich in New York so weit entwickelt, daß die Stand-up-Comics vom West Village in ihren Shows nur staunen, wie ihrer Bewegung, dem "neuen Rock'n'Roll" von gestern, das Publikum davonläuft. Sie suchen sich damit zu retten, über die Slum-Kids zu witzeln, jene Generation, die nicht mehr lernen will, wie man boxt, Gitarre spielt oder Autoscheiben öffnet, ohne sich die Hand zu zerschneiden.

Als Schaufenster für ein bestimmtes Genre, nämlich der - uramerikanischen - Shortstory, hat Francis Ford Coppola vor etwas über einem Jahr die Zeitschrift Zoetrope - All Story lanciert. Der "neapolitanische Barockfürst", wie stern noch unlängst über Coppola witzelte, hat sich damit nicht nur Freunde geschaffen. Die einen verspotteten das Projekt als weiteren Beleg für Coppolas ausgeprägtes Ego, andere wurden konkreter, sie kritisierten die Zeitschrift als eine Methode, an "billige Drehbücher zu kommen". Das neidisches Gekratze an seinen Ideen schert den fünffachen Oscar-Gewinner wenig. Als Erzähler des Kinos hat er mehr Erfolge und Flops abgeliefert als so manches Studio, mehr Stars deren erste große Chance gegeben als fast jeder andere Filmemacher.

"In den zwanziger und dreißiger Jahren", stellte Coppola in der ersten Ausgabe von Zoetrope - All Story fest, "gab es eine Tradition des Geschichtenerzählens, die unter anderem die besten Drehbuchautoren der Vierziger und Fünziger inspiriert und unterrichtet hat." Daß Regisseuren und Schauspielern heute mehr Aufmerksamkeit zukommt als der Story eines Films, widert ihn genauso an wie der Umstand, daß allwöchentlich "Paraden an Klischees und Formeln wie bei Pferderennen in die Kinos geschickt werden, nur um Montags die Einnahmen aufzulisten"; das also in etwa sein Manifest für die literarische Zeitschrift, die mit einer Druckauflage von 40.000 und wenigen Anzeigen sicher niemals viel Geld einbringen wird. Bereits nach einem Jahr ist Zoetrope - All Story aber die meistgelesene Literaturzeitschrift der USA. Schon denkt Coppola an eine "Autoren-Kolonie im Internet, ein virtuelles Labor für neue Plots und Ideen" sowie, laut Business Week, eine Verfilmung seiner irren Geschichte.

Zoetrope - All Story kann sich einen relativ aufwendigen Vertrieb leisten - jeweils ein Viertel der Auflage geht an Abonnenten, Kioske, Buchhandlungen und Schlüsselfiguren der Filmwelt -, da es eben auch ein Vehikel für Filme ist. Touchstone Pictures hat sich bereits die Rechte an einer Story gesichert. Für seine Produktionsfirma reserviert sich Coppola für zwölf Monate die Option, eine Idee zu verarbeiten. Gelegentlich wird aber auch die Redaktion von Zoetrope von den Reaktionen des literarischen Betriebs überrascht. Melissa Banks The Girls' Guide to Hunting & Fishing, einer von acht Beiträgen der Ausgabe zum einjährigen Bestehen, wurde mitsamt einer Shortstory-Kollektion von Virgin Penguin für $275.000 ersteigert; und das, obwohl Shortstory-Kollektionen als wenig lukrativ gelten. Von Francis Ford Coppola selbst bestellt, soll die Story bald verfilmt werden; von American Zoetrope, der Produktionsfirma. "Zoetrope - All Story konzentriert sich auf Belletristik. Wir akzeptieren oder veröffentlichen", so der Mann vor einem Jahr im Vorwort zur ersten Ausgabe, "weder Drehbuchvorlagen noch Treatments. Nur Stories oder Ein-Akter. Da in der Vergangenheit manche Kurzgeschichte verfilmt worden ist - Psycho, Rear Window und High Noon beispielsweise -, ist es nur natürlich, daß unsere Motive hinterfragt werden. Stories werden allerdings nicht darauf überprüft, ob sie sich verfilmen ließen, sondern, ob die Stimme des Erzählers, die Qualität der Schreibe, der Glanz der Charaktere und die Tiefe des Plots das Leben der Gegenwart bereichern." War Pinckney Benedicts Ein-Akter in der von Helmut Newton als gastierendem Art-Director gestalteten Jubiläumsausgabe noch äußerst visuell, so ließe sich Attention, Passengers, ein wahnwitziger Monolog Len Krugers in der jüngsten Ausgabe, bestenfalls als Hörspiel verwirklichen. Coppola hält sich an sein Versprechen.

Um das Unternehmen in den Augen eines jeden Literaturliebhabers paradiesisch zu machen, honoriert Coppola die Beiträge überdurchschnittlich: bestellte Geschichten mit $5000, andere mit $1000. Daß sich der Querkopf der Filmindustrie damit in Hollywood wenig Freunde macht, überrascht wenig. Schließlich hat er sich schon mehrfach - und in den Augen von Kritikern und Brokern auch erfolgreich - der Korsetts und Zwangsjacken der Traumfabrik entledigt; kein Wunder, daß da sofort ein Heer aus Hyänen lauthals lästert. Man kennt sie allzu gut, die sonst so lautlose Schar phantasieloser, im Mainstream des Marktes schwimmender Piranhas. Auch wenn die Honorare weit unter dem liegen, was ein Studio zahlen würde, so gibt Coppola mit der Zeitschrift dreimal jährlich unbekannten ebenso wie etablierten Autoren vom Schlage eines Sam Shepard oder einer Nicola Barker die Möglichkeit, Stories zu veröffentlichen, für die es auch in Amerika nach wie vor relativ wenige Foren gibt - trotz Gotham Workshop und im Big Apple gedeienden Trends.

Zoetrope vereint MTV-Mitarbeiter und Gewinner etablierter Auszeichnungen, Online-Kolumnisten und Creative-Writing-Lehrende. Die Lektüre der sechs bis acht Beiträge pro Heft ist vielseitig wie kurzweilig. Außer mit Freude erfüllen sie einen aber auch mit Wut. Denn, so fragt man sich schnell, warum kann es das nicht in unseren Breiten geben? Weil man hier zu sehr in den Spiegel der Geschichte schaut, sich zu sehr mit den Traditionen des Abendlandes aufhält? Über Trends, über alles, was angesagt ist, wissen nicht nur Stand-up-Comics Bescheid, ein guter Barometer sind auch die Strategen der Werbeindustrie. "Absolut Coupland", die jüngst in Wired lancierte Kampagne des Getränke-Herstellers Absolut Vodka scheint zu unterstreichen, wie sehr Coppola mal wieder mit den Fingern am Puls der Zeit ist. Statt Michael Jordan oder Schumacher, die mit Turnschuh- oder Marmeladenwerbung ihr Taschengeld aufbessern, engagiert man jenseits des Atlantiks den Witz des Autors von Generation X.

Vom Ende des Buches oder seiner aussterbenden Leserschaft kann jedenfalls nicht die Rede sein. Das einzige, was schon vor Jahren abgestorben ist, das sind die Ideen der Leitartikler in den allzu ehrwürdigen Feuilleton-Redaktionen. Und so ist die Einladung zum 'Zoetrope Short Story Writers' Workshop' der letzte Beleg, wie sich die Literaturförderung in der Neuen Welt von der in Klagenfurt, Verweilen in der Villa Massimo inbegriffen, unterscheidet: "Come to beautiful Belize!" Only in America?

© Matthias Penzel, 2004. Original erschien dieser Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 04.08.1998






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