Rolf Dieter Brinkmann

Briefe an Hartmut 1974-1975.

Undefined. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg. 285 Seiten. ISBN: 3-498-00608-8

Rolf Dieter  Brinkmann: Briefe an Hartmut 1974-1975.

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Westwärts 1 & 2 

Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag, 1999, ISBN: 3-499-22451-8

Rolf Dieter Brinkmann (*1940, Vechta) sei „Deutschlands einziger Beatpoet“, hypertrophiert Klaus Theweleit in seinen Ghosts-Vorträgen. Brinkmann selbst äusserte sich zu dieser Frage 1974 etwas zurückhaltender. Über seinen Gedichtband Was fraglich ist wofür (1967) sagt er in den von seiner Witwe Maleen Brinkmann aus dem Nachlass herausgegeben Briefen an Hartmut: „Das Material war oft sehr künstlich, Postkarten, Filme, Bücherzitate, Lektüre, Illustrierten und Zeitungsnachrichten – Und <> war in Deutschland der erste Gedichtband mit Poptendenz.“ Brinkmann folgten viele. Besonders die noch heute wie taufrische Anthologie ACID / Neue amerikanische Szene, die Brinkmann in Zusammenarbeit mit dem Underground-Pionier Ralf-Rainer Rygulla 1969 herausgab, öffnete die Schleusen zur breiten Andockung der deutschen literarischen Avantgarde, der linken zumal, an Schreibstile und Produktionsmittel des US-Undergrounds. Doch traf sie auch – wie Brinkmann häufig, instinktiv, mit geschlossenen, aber hellwachen Augen - einen bereits sensibilisierten Nerv, ein literarisches Zeitgefühl, das sich im Abseits der Gruppe 47 formiert hatte. Brinkmann, dieser „einzige Beatpoet“, Urgestein zweifellos in der Strömung, war dennoch, wie er selbst konstatierte, ein „Einzelgänger“. Die vom 3. Juni 1974 bis zum 21. März 1975 geschriebenen Briefe an Hartmut legen, wenn man sie daraufhin liest, ein Zeugnis ab von der beklemmenden Einsamkeit des Rolf Dieter Brinkmann in Köln.

Sein Briefpartner ist der Student Hartmut Schnell, der in Austin, Texas, lebt. Dort nahm Brinkmann Januar bis Mai 74 ein Gastlektorat wahr. Hartmut arbeitet an einer Magisterarbeit über Brinkmann. Diesem Umstand und Brinkmanns freundschaftlicher Offenheit haben wir es zu verdanken, dass der Autor des Gedichts „Zwischen / den Zeilen / steht nichts / geschrieben. // Jedes Wort / ist schwarz / auf weiss / nachprüfbar“ hier die eigenen Bände Poem für Poem in assoziativen Skizzen erläutert, ihre Entstehungsbedingungen memoriert, auf Lektüren hinweist, Beweggründe offenlegt oder Motive wie „Bewegung“, „Orte“, „Helligkeit“, „Sprache“, „Sex“ hervorhebt. Wie nebenher stellt Brinkmann noch in diesen langen Passagen für den Magistraten Schnell nicht nur eine Fundgrube für Brinkmann-LeserInnen aller couleur her, sondern dank seiner unverwechselbaren Diktion ein para-künstlerisches Primärwerk. Selbst wenn seine Zugänglichkeit, dem Genre entsprechend, ungleich höher ist, so beeindruckt Brinkmanns Briefkonvolut, das er in einem Schnellhefter mit 139 Briefdurchschlägen abgelegt und handschriftlich mit Briefe an Hartmut betitelt hat,  nicht weniger als frühere Veröffentlichungen aus dem Nachlass. Auch Brinkmanns Briefkultur hat den Mammut-Touch seiner späten Schriften, ist exzessiv, ungefüg oder, um mit dem Brinkmann-Idol Hans Henny Jahnn zu sprechen, ein „Fluss ohne Ufer“: Einzelne Briefe mäandern über 40 Seiten, wuchern von Tag zu Tag, von Nacht zu Nacht...

Schroff aber grenzt sich der karge Alltag in Köln von der brieflichen Nähe zu dem fernen Studenten ab. In Köln mangelt es Brinkmann an literarischem Austausch. Die mentale Öde paart sich mit materiellen Nöten – zu Zeiten öffnen Brinkmanns nicht, wenn es klingelt, weil sie befürchten, es sei der Beamte, der ihnen „den Strom abkneifen“ wolle. Schwierigkeiten an Ecken und Enden, auch mit der Sonderschule für den sprachgestörten 10jährigen Sohn Robert. Dann die Nöte mit Rowohlt. Westwärts 1 & 2 – Brinkmanns endlich wieder greifbar gewordener letzter Gedichtband - muss empfindlich gekürzt werden, Fotos fallen raus, Text. Dazu kommt sein Ungenügen an der deutschen Umgebung, gegen die sich Austin in der Erinnerung wie ein verlorenes Paradies abhebt. Und so prägt Brinkmanns Wut auf Deutschland über weite Strecken die Seiten, sein verzweifelter Protest gegen die deutschen Gegebenheiten, die „Drecksrealität“. Brinkmann engt das „Zaundenken, ringsum“ ein. Er klagt die emotionale Kälte an, den „Befehlston“, die latente Gewaltbereitschaft, begehrt gegen die Unfreiheit und Verklemmtheit auf, murrt über „negative Rückkopplungen, gegen die man sich hier sehr schwer wehren muss“, oder grollt Kölns dumpfer „Industrieatmosphäre“. Oder er reisst den Hintergrund auf, die „zersplitterte Perspektive, worin man aufwuchs“, stellt die Brüche, Risse, Schnitte klar, die seine Generation in eine Aussichtslosigkeit und in einen Traum warfen. Und unermüdlich deckt Brinkmann die allgegenwärtige Bewusstseinskontrolle mittels Sprache auf, die typisch deutsche Vorherrschaft der „Gedanklichkeit“, auch im Umgang mit und der Produktion von Lyrik - bei gleichzeitiger „Lustverweigerung“ und „Scheu vor Sinnlichkeit“: „In der deutschen Sprache sind Begriffe wie Literatur, Kultur, Kunst Schlagwörter. Zuerst kommt immer Literatur, Kultur, Kunst usw. und dann erst Leben, Lebendigkeit. Ich für mich kann das nicht akzeptieren. Und deswegen bin ich auch schludrig und schlampig gegenüber Literatur, Kultur, Ziviehlisation, Viehlologie, Kunst usw.

Gegenwelten bieten ihm vitale Rockmusik, amerikanische Dichter und der literarische Underground, dessen lähmende Konsumtendenz Brinkmann allerdings, bei aller Idealisierung, früh realisierte: „Ich erinnere mich gerade daran, dass ich beinahe jedesmal erschrak, sah ich einen hippiehwestdeutschenmufftyp mit einem Acidbuch unterm Arm – dafür wars gar nicht gemacht.“ Brinkmanns Entwürfe gehen aber noch weiter. „Sexualität ist wirklich ein ganz lebendiger Gegenpol dazu, eine richtige Befriedigung (jedesmal wenn ich gut gefickt habe, von beiden Seiten her, merke ich die wirkliche erstaunliche Abstand-Distanz zu dem Rummel der grau ist ringsum!)“ Gegenentwurf ist ihm alles, worin er „Lebendigkeit“ wittert, „Impuls“. Er entwirft die „Schöne Utopie: wahrnehmen, sehen, aufnehmen, erleben ohne durch Wörter, Verstehen, vorprogrammiert zu sein - direkt.“ Und aus der Direktheit der sinnlichen Wahrnehmung heraus will er festhalten, „was über den Bildschirm des Bewusstseins geht“ und wie es „sich zusammensetzt“. „Kurzzeitgedächtnisszenen“ nennt Brinkmann seine Gedichte. Letztlich tauchen seine sprachlichen Äusserungen aus einem „Wissen ohne Wörter, ohne Absicht“ auf. Das ist die Folie des Han Shan vom Kalten Berg, des chinesischen Dichters, der die Menschen verliess und den Namen des Berges, auf den er sich zurückgezog, annahm und Gedichte auf Felsen schrieb; das ist die Zen-Folie: „Wenn man nachts allein in einem Zimmer sitzt, Schallplattenmusik an, ringsum ziviehlisationswüste, ist das beinahe wie auf einem <> allein zu leben, in dieser Art der Umgebung, in einer Seitenstrasse in der Innenstadt.

Ganz beiläufig bietet der Band also viel Ausserpoetologisches. So auch Stellen, die Theweleits Aussage erhärten, dass Brinkmann, obschon sich seine Protesthaltung in den 70ern nicht verwässerte, im Unterschied zu vielen anderen deutschen Intellektuellen angesichts der Aktivitäten der RAF keinem „abstrakten Radikalismus“ verfiel, der das „Realitätszeichen“ der Menschentötung ausblendet. Die Briefe halten Brinkmanns erste Reaktionen auf Medienmeldungen zur RAF noch im unmittelbaren Nachbeben fest. Dass es Meldungen waren, war dem McLuhan-geschulten Brinkmann dabei stets bewusst: „Überall jetzt Wörter in der Öffentlichkeit: <> wer ist denn in der Krise? Der Staat! - <> wie im Militär! Rufe nach der Todesstrafe ziehen durch dieses Sprachterritorium!" Und natürlich immer wieder Szenen aus Brinkmanns Kölner Alltagsleben, aus dem Robert und Maleen nicht wegzudenken sind (trotz oder gerade wegen der mannigfachen Querelen). Manchmal gerinnen die locker festgehaltenen Momente zum Schlüssel zu dem gleichzeitigen dichten Spätwerk: „Dass der Überblick nicht wahr ist, sondern das Darinsein, das ist ein Ausspruch von Maleen, als ich sie einmal fragte, wie fühlst Du Dich?“ Darin scheint auf engstem Raum Brinkmanns Wandel nach dem Gedichtband Gras (1970) auf, als bis zu seinem Tod kein Lyrikband mehr erschien, er aber eingedrungen war in die Produktion eines gewaltigen rhizomatischen Romanwerks, von dem bislang nur einige Blöcke sichtbar geworden sind. Auch die Briefe an Hartmut dürften als potentes Magazin zu dem unabgeschlossenen Projekt angelegt worden sein. Sie enden mit dem Abschnitt: „Gestern war Karfreitag, und ich machte eine gute Graupensuppe, war prima. Als ich aufwachte, war Schnee auf den Dächern, gegenüber. (Der Schnee machte die Seitenstrasse Eingelbertstrasse sehr hell. Und still.)“ Einen Monat später, am 23. April 1975, wird Brinkmann im nächtlichen London vor einem Pub überfahren; es hiess <>.

Die Briefe an Hartmut sind ein guter Anlass, die Frage zu stellen, wohin wir in dem Vierteljahrhundert seit ihrer Niederschrift gekommen sind. Aspekte dafür bietet der Schlussbrief des Buches, den Hartmut Schnell am 22. August 1998 an den verstorbenen Rolf geschrieben hat, in Austin. Eine schöne Geste, in der sich einlöst, dass dieser Band auch das Buch einer besonderen Männerfreundschaft ist.

Florian Vetsch






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