Fernand Braudel

Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II.

Sach. Suhrkamp Verlag, ISBN: 3-518-28954-3

Fernand  Braudel: Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II.

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Frankfurt/M 1993 Suhrkamp Verlag ISBN 3-518-40489-X

Einstein, zungenfröhlicher Pazifist mit (Atom)Bombenkenntnissen, hat eine trivialmythische Rezeption erlebt, die keinem Physiker oder Mathematiker trotz der luziden Köpfe von Planck, Bohr, Heisenberg, Schrödinger, Hilbert und anderen je beschieden war. Der Mythos Einstein, der den Menschen Einstein mit Überlichtgeschwindigkeit überholt hat, hat sich in unsere unwägbaren Lebenswelten eingeschrieben. Wer sich für den Menschen Einstein interessiert, der muß auf die erste authentische, von Albrecht Fölsing umfassend recherchierte Biographie zurückgreifen, die dem wechselvollen Strapazenleben des ersten und vielleicht besten "Meta-Physikers der Neuzeit" erfolgreich nachjagt. Fölsing konturiert das komplexe Genie, das erst in der spannungsgeladenen Verschränkung von Leben und Werk als eine Persönlichkeit entsteht, die Geist und Aggression, Humanität und Skurrilität, Starlife und Isolation synchronisierte.

Relativitätstheoretiker sind wir alle. Noch das allpräsente "irgendwie" in unserer alltäglichen Sprache kündet vom Fallibilismus in den wankenden Weltbildern, von der Unsicherheit der Gedanken, von dem Verlust an festem Boden unter den Füßen. Während das 19.Jahrhundert die deterministisch aufgezogene Uhrwerk-Welt als Fundament einer entzauberten Schöpfung entwickelte, ist die Physik, die das naturwissenschaftliche Hartgeld in den Inflationen des Geistes zu sein schien, längst in Wallung geraten: Zeit, Raum und Materie, weniger dingfest denn je, wurden zu einem Minenfeld zwischen Subjekt und Objekt, einem hochexplosiven Urknallszenario verrückter Teilchen und Wellen in einem Kosmos ohne göttliche Gelassenheit, aber mit viel teuflischer Heiterkeit.

Einstein, der wie kein anderer das Klischee des zerstreuten Professors mit der geniale Krause zur Freude der Nichtverstehen den bereitwillig zum Besten gab, hatte an der Demontage der archimedischen Hoffnung und der newtonischen Gewißheit maßgeblichen Beitrag. Was besagt die Relativitätstheorie? Zeit, das Ding, das wir an der Uhr ablesen, läuft verschieden schnell ab, je nach der Bewegung des Zeitreisenden. Mit anderen Worten: Wenn einer eine fixe Reise in's Weltall tut, dann kann er als Heimkehrer seine Ehefrau zur rüstigen Greisin gereift im Altenheim besuchen. Auch wenn dieser Umstand im Rahmen der Rentensicherung gegenüber der Einrichtung von Karenztagen vorzugswürdig ist, bleibt unsere alltägliche Bewegung in Zeit und Raum weiterhin den metaphorischen Intuitionen Newtons unter dem Apfelbaum verpflichtet. Nicht einmal streift uns das Gefühl sensorischer Verzögerungen von Sinneseindrücken des gleichzeitig Ungleichzeitigen, die immer nur einen Film des gerade Vergangenen präsentieren: Ein Vogel, der vor eine zehnmillionstel Sekunde so existierte, wie wir ihn "jetzt" wahrnehmen, der Mond vor einer Sekunde, die Sonne gar vor acht Minuten und Sterne, die bereits steinalt sind. Je nach der Bewegungsrichtung des Beobachters im Raum kristallisiert sich eine andere zeitliche Abfolge von Ereignissen, Gegenwart kann längst vergangen, aber auch zukünftig sein, da uns im Gegensatz zum unbewegten Beweger Aristoteles' eine omnipotente All-Wahrnehmung des Universums verwehrt ist. Das "Hier und Jetzt" hat mithin keinen objektivierbaren Gehalt, die Zeit erfahren wir als eine pragmatische Illusion von relativer Nützlichkeit, die William James ohnehin als das flüchtende Wesen der Wahrheit bestimmte.

Im Grunde hat Einstein die psychologische Erkenntnis, daß die subjektive Zeit verschieden schnell abläuft, auch auf die früher so objektiv geglaubte Zeit ausgedehnt. Wenn einer heute noch den Spruch "Hier stehe ich und kann nicht anders" wagte, würde ihn die experimentell weitgehend gesicherte Theorie Einsteins auf den Boden des Relativen zurückholen. Ohne Angabe des zeitrelativen Bezugssystems darf sich niemand länger als Zeitgenosse seines Nachbarn ausgeben.

Einstein hat seinen frühen Erkenntnismut später durch den konservativen Bannfluch gegen die Quantentheorie "Gott würfelt nicht" relativiert. Ein Restquantum Metaphysik gegenüber dem von ihm inszenierten Kontingenzdrama der Schöpfung wollte er seinem Seelenfrieden erhalten. Zugleich aber trieb ihn, der sich nicht für singuläre Phänomene interessierte, die holistische Hybris, Gottes Gedanken enträtseln, den Weltenplan entschleiern zu wollen. Diese Intention bescherte Einstein den genialen Zugriff just auf eine Vielzahl von physikalischen Erscheinungen, eine Antwort auf das Weltganze eröffnete ihm sein Schöpfer nicht. Immerhin mag auf der gnostischen Suche nach der verlorenen Zeit im nichteuklidischen Raum-Zeit-Kontinuum ein wenig Hoffnung auf ewige Wiederkehr sein. Oder ist es ein unentrinnbares Verhängnis?

Quantenmechanik, Komplexitäts- und Chaostheorien haben das von Einstein durchgewirbelte Universum weiter dynamisiert. Das an den Rollstuhl fixierte, nur per Sprachcomputer kommunizierende, frei schwebende Genie Hawkings hat schließlich die Existenz einer nicht geschöpften, ewig und drei Tage währenden Welt ausgerufen. In diesem Wahrscheinlichkeitsuniversum verklärt sich der Blick nostalgisch auf eine Inquisition, der bereits die Verkündung der marginalen Stellung der Erde zur Sonne als häretisches Schreckgespenst erschien. Daß ausgerechnet der Mensch, der irgendwo in einem trudelnden Schuhkarton zwischen Myriaden von Galaxien als glibberndes Biowesen physiognomische Ähnlichkeit mit dem Autor des Gesamtkunstwerks haben soll, ist ein kugelrunder Witz am Rockzipfel der Nichtschöpfung. Und an den gekrümmten Rändern unserer fremd gewordenen Heimat, East of Eden, laufen Zeit und Raum ineinander, was immer das für auf kantische Anschauungsformen verpflichtete Wesen heißen mag.

Einsteins Formel E = mc2, die Demontage der architectura caelistis, wurde zum Wissen der Häuserwände, der Schulbänke und Toilettensprüche. Die Formel klingt so einfach wie...eben einfach genial. Und was heißt das? Der Satz der Äquivalenz von Masse und Energie verrät in lichtvoller Klarheit, daß die Masse eines Körpers aufgrund ihrer Relativität zunimmt, je schneller sich dieser bewegt bei Lichtgeschwindigkeit wird die Masse unendlich groß. Der Zugewinn an kinetischer Energie entlarvt die Masse, mal schwer, mal träge, als eingefrorene Energie (Arthur March), jederzeit zur Existenz provozierbar. Als Geburtshelfer der Photonen, die das mechanistische Universum endgültig zerschossen, erkannte Einstein, daß die von Planck entwickelte Lichtwellentheorie (E = hv, will sagen, Energie gleich der Frequenz des emittierten Lichts, multipliziert mit einer Konstanten h) die Annahme von diskontinuierlich fließenden Lichtkörnchen voraussetzt. Für diese Inititation eines nichtmechanistischen Universums erhielt Einstein 1921 den Nobelpreis.

Einstein durchlebte das gesamte Panorama des Ungleichzeitigen von Physik und Politik. In diesem zwanzigsten Jahrhunderts sind die Wege zwischen dem Weltall und seinen anarchischen Atomen, den Studierstuben und Hiroshima, den Jahrbüchern der Physik und dem kollektiven Exitus gefährlich schnell geworden. So propagierte Einstein 1939 gegenüber Präsident Roosevelt den Bau der Atombombe und beschwört 1950 das Menetekel, dem er kausal verbunden war: die angeblich zwangsläufige Entwicklung der Vernichtungstechnologie zum kollektiven Ende.

Gleichzeitig mit Einstein haben Philosophie, Geisteswissenschaften und Künste Zeit und Raum gesprengt, den Menschen in die Zentrifugale eines auseinanderstrebenden Universums geworfen, seine Gottähnlichkeit als "incredible shrinking man Syndrom" verhöhnt. So erscheinen uns die Bildwelten der schon klassisch gewordenen Moderne wie der ihrer Vorläufer als didaktische Parabeln des Einstein Universums. Grandvilles Anamorphosen, Dalis zerrinnende Uhren, Eschers alogische Räume illustrierten die Fibeln der Relativitätstheorie. Giacomettis Figuren nehmen die Gestalt von Menschen an, die wir sehen würden, wenn wir uns mit dem Licht angenäherter Geschwindigkeit zu ihnen hin bewegten. Einstein, soviel ist nach der Biographie Fölsings sicher, ist der Sohn jener poetisch verträumten Alice und Humpty Dumptys, die gute Kontakte zur grotesk gekrümmten Welt der Quanten pflegten.

Wer für die mathematische Präzision des Einstein Universums und der ihm folgenden Parallelwelten keinen Verstand aufbringen mag,der sei auf Lewis Caroll, Jorge Luis Borges, Alison Lurie und H.G.Wells verwiesen, die ihre Zeitreisen im Gegensatz zu Einsteins Voraussage mit Überlichtgeschwindigkeit absolvieren. Mag darin der Leser begreifen, daß jede Lektüre ein Anwendungsfall der Synchroniziät als Prinzip akausaler Zusammhänge (C.G.Jung)ist und eine nicht deterministisch verfugte Harmonie der Koinzidenzen die geheimste Lust des Universums ist.

Dr. Goedart Palm






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