T.C. Boyle

America - ein Interview

Bestseller. Carl Hanser Verlag, ISBN: 3-446-18736-7

Der Saloppe aus Santa Barbara
T.C.  Boyle: America - ein Interview

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Zur Veröffentlichung von America (ISBN: 3-446-18736-7) sprach Matthias Penzel mit T.C. Boyle über Talent und Technik, Politik und Satire... und seinen zum Zeitpunkt des Interviews geplanten Roman - Riven Rock (ISBN: 3-446-19477-0).

Als ob die Welt nicht schon genug im Eimer wäre - saurer Regen, Ozonloch, Überbevölkerung... Als wäre das der Katastrophen nicht genug, kommt nun auch noch T.C. Boyle an und schreibt ein Buch darüber. Sein sechster Roman, America, schildert Theorie und Praxis jener wohlsituierten und -informierten (auf amerikansch: ‘liberal’) weißen Mittelschicht, die das alles begriffen hat, und stellt ihnen die Konflikte und den harten Alltag illegaler Einwanderer gegenüber. Die einen sind prinzipiell offen und politically correct, so lange gesellschaftliche Problemfälle und Illegale eben nur in den Fernsehnachrichten, nicht aber in der Nachbarschaft auftauchen. Aber genau da kreuzen die anderen auf... und helfen mit dem Bau einer schützenden Mauer um die Enklave der Anwälte, Makler und Kolumnisten.

Wenn Tom Coraghessan Boyle nicht gerade Short stories oder Romane schreibt, dann unterrichtet er darüber an der University of Southern California. Oder er befindet sich auf einer seiner legendären Lese-Tourneen.

Unter US-amerikanischen College-Kids (für Grün ist die Hoffnung (ISBN: 3-423-11826-1), jene Story von den drei Typen, die nördlich von San Francisco Marihuana anbauen) als Hippieautor geschätzt, in Deutschland so etabliert, daß selbst Die Zeit über ihn schwärmt, sitzt T.C. Boyle heute im Londoner Groucho Club beim Frühstück. Es besteht nicht (wie die Mahlzeiten, die seine Charaktere einzunehmen pflegen) aus so vielen Zutaten, daß deren bloße Auflistung ein dutzend Zeilen verschlingt. T.C. Boyle gibt sich mit Müsli, einem Croissant und Orangensaft zufrieden. Er trägt schwarze, weite Leinenhosen und rote, knöchelhohe Converse-Boots (jene Baumwoll-Turnschuhe, die jedes Kind der Siebziger verfluchte, die in den Neunzigern aber wieder hip sind) und - ähnlich unpassend - ein Barett, versilberten Blechschmuck im linken Ohr. Das Logo auf dem T-Shirt unter dem weinroten Karohemd ist heute keins mit politischer Botschaft (wie es die Zeitung Freitag bei ihm gerne sieht), sondern das eines Buchladens.

Die satirischen Passagen in America erinnerten mich stellenweise an Weisses Rauschen (ISBN: 3-499-13881-6) von Don DeLillo - ehrt oder ärgert dich das?

T.C. Boyle: "Don DeLillo ist einer meiner Helden. Ich denke, Weisses Rauschen ist eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe - ja, ich wünschte, ich hätte es geschrieben. Ich hatte das aber nicht im Hinterkopf, während ich America schrieb. Es gibt in Amerika einfach sehr wenige Satiren - daher drängen sich Vergleiche zu den wenigen existierenden fast auf. In Weisses Rauschen wird DeLillo stellenweise satirisch, ebenso in Mao II (ISBN: 3-462-02210-5). Auch Tom Wolfes erster Roman, Fegefeuer der Eitelkeiten (ISBN: 3-426-60671-2), ist sehr witzig und satirisch. Es gibt aber nicht viele dieser Art. In England haben sie Martin Amis und ein paar andere, aber auch nicht sonderlich viel.

Überhaupt kümmert sich kaum ein amerikanischer Autor dieser Tage um sozial brisante Themen. Sie schreiben darüber, wie es sich als Autor oder als Professor lebt - es ist alles sehr eingeschränkt, wie mir scheint. Ich schreibe über alles, was mir paßt, aber auch sozial Brisantes - wenn es mich zu dem Zeitpunkt gerade bewegt und aufregt. Auch in Der Samurai von Savannah ging es mir um Rassismus; auch wenn es insgesamt mehr darum geht, wo man sich innerhalb der Gesellschaft befindet, wie sich ein Individuum in eine beliebige Gesellschaft einfügen kann. Gehört Hiro Tanaka nach Japan oder in die Staaten? Und Ruth Dershowitz: Ist sie dieser Autoren-Gesellschaft gewachsen, gehört sie dazu? Auch World’s End (ISBN: 3-423-11666-8) hatte bis zu einem bestimmten Grad mit Rassismus zu tun. Es ist für mich also nicht absolutes Neuland."

Auch Wassermusik (ISBN: 3-499-12580-3) behandelt Rassismus - wenn auch subtilere Abarten wie Imperialismus, die Arroganz der ‘zivilisierten’ Völker gegenüber der Kultur der ‘Wilden’...

T.C. Boyle: "Ganz genau. Denn das ist ja kultureller Imperialismus: Man zwingt einer andereren Kultur die eigene auf, und um das machen zu können, entwertet man deren Errungenschaften. Dem Thema habe ich mich auf unterschiedliche Weise also schon mehrmals genähert. Damit ist jetzt aber erst mal Schluß. Im nächsten Buch (Riven Rock) geht es um Psychiatrie und Sex."

Psychiatrie und Sex?

T.C. Boyle: "Ja. Der Roman, den ich als nächstes schreiben werde, wird wieder in der Vergangenheit stattfinden, zwischen 1905 und 1932. Und er wird wesentlich komplexer, aufgrund der Inhalte. Ich habe die Story in meiner neuen Heimat - Santa Barbara - entdeckt; und so sieht sie aus: Anfang des Jahrhunderts kamen sehr wohlhabende Leute vom Osten, aus Chicago und so, nach Santa Barbara, um sich dort riesige Anwesen zu bauen, riesengroße Klötze mit vierzig Quadratkilometer Land, riesigen Mauern und großen... Einer davon war dieser Typ der von einem der Industriegiganten jener Zeit ein Vermögen erbte. Er war jung, sein Vater war gestorben und er besaß Millionen und Abermillionen von Dollars. Mit dreißig heiratete er. Weil er so reich war, hatte er in Princeton studiert, 1896 seinen Abschluß gemacht. Er sah sehr gut aus, war ein Meter achtzig groß - sehr groß für jene Zeit. Seine Frau war hübsch, auch Millionärin und sehr kultiviert: Ihre Eltern besaßen ein Chateau in Genf, sie sprach fließend Französisch und deutsch, aber... ABER: Kurz nach der Hochzeit brach er zusammen, begann er, an extremen Formen von Schizophrenie zu leiden. Das war teils genetisch bedingt, teils psychologisch - als Folge ernster sexueller Probleme. Die Eheschließung wurde nie aufgehoben. Und während der folgenden zwanzig Jahre durfte er keine Frau aus nächster Nähe betrachten. Niemals. Denn, wenn er eine Frau sah, dann drehte er durch, griff er sie gewaltsam an. Deshalb mußten seine Frau, seine Mutter, seine Schwester und überhaupt alle Frauen aus seiner Reichweite verbannt werden. Sie durften ihn nur mit Ferngläsern beobachten. Zwanzig Jahre später hat sich seine Frau also immer noch nicht von ihm getrennt. Da sie ihn nicht treffen durfte, hat sie mit ihm telefoniert, Briefe geschrieben... Sie engagiert schließlich einen Seelenklempner, Schüler Freuds, und mithilfe von Psychoanalyse verbessert sich der Zustand ihres Gatten so sehr, daß sie sich nun treffen können, auch wenn er immer noch sehr wirr war.

Das ist also wieder was ganz anderes. Und es macht mir derzeit mächtig Spaß, das auszuhecken."

Hast du dir zur Vorbereitung bereits andere Romane über Psychiatrie angesehen? Beispielsweise Einer flog über das Kuckucksnest (ISBN: 3-499-15061-1) oder Hannah Greens...

T.C. Boyle: "...Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen (ISBN: 3-499-14155-8) - yeah. Ich habe mir das gerade neulich durchgelesen - zum ersten Mal seit Ewigkeiten... - und fand’s gar nicht so super, ha ha! So klasse ist das gar nicht..."

Auch Wassermusik und Willkommen in Wellville (ISBN: 3-423-11998-5) bauen auf authentischen Ereignissen auf - ist dir das lieber, da es dich davor bewahrt, allzu sehr abzuschweifen... was ja vielleicht eine deiner Schwächen ist?

T.C. Boyle: "Ich glaube, eine der Gaben, die mir gegeben wurde - alle Autoren haben unterschiedliche Gaben -, ist Struktur: Ich verstehe es, unterschiedliche Fäden zusammenzubringen. Aber, ganz wie du andeutest, bei Wassermusik und Grün ist die Hoffnung, meinen ersten beiden Romanen, wußte ich noch nicht, ob ich imstande wäre, einen Roman zu schreiben. Beide bauten auf tatsächlichen Ereignissen auf, was ihnen Struktur und Form gab. Meinen folgenden Romanen lag dergleichen nicht zugrunde. Und das ging auch. Diesmal werde ich wieder etwas schreiben, das auf tatsächlichen Ereignissen aufbaut. Bis zu einem gewissen Grad traf das natürlich auch auf ...Wellville zu - mit Kellogg hatte das einen Charakter, der tatsächlich mal lebte; ich konnte ihn als nicht mit 32 sterben lassen, aber die komplette Story des Buches habe ich mir ausgedacht. Das war also ein bißchen anders.

Dem nächsten Buch liegen Tatsachen zugrunde, an die ich mich halten werde - ich muß mir also überlegen, wie ich es strukturiere, was ich aussagen möchte, und wie ich es aussage. Damit beschäftige ich mich derzeit."

Hast du dir bereits Notizen dazu gemacht?

T.C. Boyle: "Nein, nichts. Ich habe Material gesammelt, Unterlagen der Familie durchgesehen... Wenn ich aber, so wie jetzt, fünf Monate lang auf Tournee bin, kann ich nicht richtig daran arbeiten. damit fange ich also erst an, wenn ich zurück bin."

Von acht Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags?

T.C. Boyle: "Wie du weißt, läßt sich der Alltag eines Schreibers nicht so einteilen..."

Manche arbeiten aber nach einem entsprechend rigiden Terminplan.

T.C. Boyle: "Yeah, sie schreiben aber nur Abfall! Das geht nicht. Dein Hirn stirbt dabei ab. Sicher, jeder geht da anders heran, aber ich arbeite selten mehr als vier Stunden pro Tag - bis ich mich dem Ende nähere. Man kann sich einfach nicht so lange konzentrieren. Wenn es einen ermüdet, muß man aufhören - und sich amüsieren. Trotzdem arbeitet man, denke ich, auf einem unbewußten Level auch dann weiter..."

Yeah. Nonstop.

T.C. Boyle: "Genau. Ich flüstere die Namen meiner Charaktere manchmal vor dem Einschlafen - heh heh heh!

Ich würde aber nie von acht bis fünf arbeiten - ich glaube, du spinnst. John Gardner, den ich vor langem, ein paar Jahre vor seinem Tod, traf, erzählte mir, daß er jeden Tag, und zwar von acht Uhr morgens bis elf nachts, am Schreibtisch sitzt. Ich sagte: Wie furchtbar. Wenn man weiß, daß man bis elf Uhr nachts am Schreibtisch sitzen wird, dann macht man während dem Gros der Zeit einfach nur rum. Tatsache. Und am Ende des Tages, wenn man Stunden mit lauter Quatsch verbracht hat, geht es einem mies - weil man eben nichts Richtiges erreicht hat - und dann, vermutlich so gegen zehn, fängt man an, richtig zu arbeiten. Eine Stunde lang, und dann ist Schluß. Wenn ich merke, daß nichts mehr geht, höre ich sofort auf. Ich glaube einfach, daß man nichts Gutes bringt, ist man erst mal müde."

Womit schreibst du?

T.C. Boyle: "Ich komponiere auf einer Tastatur, nicht einem Computer, sondern einer Schreibmaschine. Alle Revisionen mache ich auf dem ersten Manuskript. Mit meiner Schreibmaschine kann ich immer ein, zwei Zeilen löschen, Tippfehler korrigieren, bevor sie auf dem Papier erscheinen. Das ist also gar nicht so anders, wie wenn man mit einem Computer arbeitet: Einfach Backspace. Manchmal denke ich, daß ich für die Endfassung vielleicht auf einen Computer umsteigen sollte, denn wenn ich die Endfassung tippe, steht alles felsenfest, dann ist es, abgesehen von wenigen Details, exakt das, was in Buchform erscheint. Das letzte Abtippen dauert also einen Monat, den ich mir eigentlich sparen könnte, wenn ich es mit einem Computer innerhalb einiger Tage machen würde. Aber - und das ist vermutlich nur eine schlappe Erklärung - gerade dieser Monat macht mir Spaß, gibt mir unheimlich viel. Es ist eine Art, ein Projekt abzuschließen und an ein anderes schon mal zu denken. Ich weiß, genauso gut könnte ich das in drei Tagen mit einem Computer zusammensetzen und den Rest des Monats auf den Bahamas verbringen...

Ich habe immer so gearbeitet, und ich werde daran festhalten. Ich... Bei manchem, was das eigentliche Schreiben betrifft, ergeben sich Gewohnheiten, die man einfach annimmt, lieber nicht hinterfragt. Das hat dann was Magisches, so eine Art Voodoozauber, mit dem man sich lieber nicht anlegt. John Updike schreibt seine Romane mit der Hand, seine Essays mit seinem Computer; ist also auch seltsam, irgendwie."

Ist Schreiben erlernbar?

T.C. Boyle: "Nein. ... Es ist eine knifflige Frage - fast jeder im Publikum fragt bei meinen Lesungen danach. Denn sie wollen alle schreiben. Und sie denken sich, wenn sie ganz scharf zuhören, dann lernen sie, wie’s geht. So funktioniert das nicht. Für Kunst braucht man Talent, eine Gabe, die einem genetisch gegeben ist. Das ist nicht fair, es ist nicht gerecht, daß es manche haben, andere nicht, ich weiß - aber so ist das nun mal.

Wenn man die Gabe hat, dann kann man von jemandem geleitet werden, um sie besser einzusetzen. Das ist mein Job. Ich kann die Aufmerksamkeit eines Schreibers auf die kleinen Entdeckungen lenken, die er sonst erst in zehn Jahren machen würde; kann ihn aufs richtige Gleis setzen, damit er nicht plötzlich entmutigt die Feder ins Korn schmeißt. Man kann natürlich auch durch das genaue Lesen und Analysieren anderer Schriftsteller viel lernen, wie man schreibt. Mehr geht nicht. Man kann nicht lernen, wie es geht, wenn man die Gabe dafür nicht hat - man kann sich bis zu einem gewissen Grad verbessern, irgendwann geht aber nicht mehr. So ähnlich wie in der Musik: Manche haben Talent, andere nicht. Mancher hört ein Lied, und schon kann er es perfekt singen. Beim Schreiben, denke ich, kann das auch passieren: Man findet jemanden, dessen Stil einem zusagt, den man dann imitiert. Und auch das will gekonnt sein. Daran scheitern schon die meisten. Aber: Kann man mehr als das ? Man wird nie ein großer Künstler, wenn man es dabei beläßt. Manche können einen Schritt weitergehen, manche nicht. Mein Job ist es, meinen Studenten bei diesem nächsten Schritt behilflich zu sein. Sie brauchen dafür nicht unbedingt einen Lehrer - aber der kann es schon erleichtern.

Noch effektiver wäre es, wenn man jeden Autor in eine kleine Kammer sperren würde; mit der Versprechung, daß sie für jede fertige Story einen Scheck und ein Sandwich bekämen - was glaubst du, wie schnell die zu Genies ‘reifen’ würden - ha ha ha!"






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