Silvio Blatter

Das blaue Haus

Roman. Suhrkamp Verlag, 360 Seiten.

Silvio  Blatter: Das blaue Haus

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"Ohne Gedächtnis wären wir alle wie Tiere ohne Instinkte, behaupte ich", behauptet Silvio Blatter. Der Schweizer Autor, 1946 geboren, läßt in seinem neuen Roman "Das blaue Haus" einen Vater von heute seiner elfjährigen Tochter die Lebensgeschichte des Großvaters Heinrich Zinn erzählen. Und wie er das tut, zeigt einmal mehr die unbändige Fabulierlust Blatters, dem solche Geschichten gerade recht kommen.

Dieser Heinrich Zinn behauptete, mit dem Indianerhäuptling Sitting Bull befreundet zu sein. Von dem habe er die Federhaube geschenkt bekommen und sich mit Amsterdamer Tabak revanchiert. "Ist das wirklich wahr, fragt meine Tochter. Heinrich Zinn erzählte nicht bloß, er legte für das Behauptete auch Beweise vor, die Häuptlingshaube mit den Adlerfedern, zum Beispiel. >>Er hat eine Gans gerupft, das ist die Wahrheit<<. Eigentlich habe ich Großvaters Version derjenigen meiner Mutter immer vorgezogen", meint Blatter, zugunsten der Poesie.

Alles beginnt mit dem Urgroßvater Johann, einem glücklosen Schneider, der im Revolutionsjahr 1848 geboren wurde und sein Leben als Gaukler, Schausteller und Bärenführer verbrachte. Dessen Sohn Heinrich wuchs mit einer Bärin als Ersatzmutter auf und wird noch als "der Bär aus der Schweiz" aufgezogen, als er als Auswanderer in Amerika landet. Der Zweimetermann zieht mit einem Hundezirkus durch die Staaten, ist "Kostümschneider und Lockensammler, Schausteller und Geschichtenerzähler, Weltreisender und Schwindler", bis er bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs in die Schweiz zurückkehrt und zu einer Art unfreiwilligem Chronisten der Weltgeschichte aus dem Blickwinkel des Zwergstaates wird.

Die Alltagswelt der Menschen, bei Silvio Blatter schon ein traditionelles Thema seit den Romanen "Schaltfehler" (1972) und "Mary Long" (1973) oder "Zunehmendes Heimweh" (1978) wird sehr realistisch und ohne falsche Nostalgie beobachtet: "Freilich gab es Bananen, in Brasilien und Afrika. In Bremgarten kochten Mütter Kartoffeln und Apfel im selben Topf weich. Das Mahl hieß >>Schnitz und drunder<<. Oder es gab Hirsebrei und Hafergrütze. An Gemüse kam auf den Tisch, was im Garten wuchs". Mangelhafte Hygiene, Willkür und Gewalt auch in der so oft verherrlichten "goldenen Zeit" beschreibt Blatter ebenso wie die damals noch reine Natur und das einfache, geradlinige Leben. Damit entzieht er sich (und den Ich- Erzähler vor den bohrenden Fragen der Tochter) jedem Verdacht auf falsche Nostalgie. Blatter übt, wenn er bissig wird, eine "sanfte" Sozialkritik, die auch versöhnlicher stimmt gegenüber dem gegenwärtig so kraß empfundenen Materialismus und Egoismus der Menschen in den neuen deutschen Bundesländern.

Lange Unterhosen, Gesäß und Bauch sind da kein Hindernis für die Liebe, sofern ihr Besitzer Geborgenheit vermittelt. "Ein Schwärmer und Phantast war Peer nicht. Die klassenlose Gesellschaft kümmerte ihn wenig. Nützlich und kräftig bin ich bestimmt, dachte Reto Peer. Nur alles mit allen teilen mochte er nicht". Der Bärenjäger aus Leidenschaft träumt trotz der Begegnung mit politischen Agitatoren beharrlich "von einer eigenen Familie in einem eigenen Haus. Das Hemd ist ihm näher als der Rock, und Gerechtigkeit gibt es nicht".

Was zunächst wie eine Familiensaga daherkommt, erhält mit dem Kauf des "blauen Hauses" am Fluß einen Brennpunkt der neueren Geschichte, in dem es immer menschlich zugeht. Als dann das Haus vom Stausee überflutet und das Grab des Großvaters aufgelöst wird, entsteht die Forderung, die Geschichten im Gedächtnis zu Geschichte zu machen. Blatter gelingt es, sie damit zu neuem Leben zu wecken und im Medium der Gegenwart zu brechen. Das ist zum einen höchst lehrreich und zum andern auch amüsant geschrieben. Widmar Puhl






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