Stefan Beuse

Gebrauchsanweisung für Hamburg

Sach. Piper Verlag, 164 Seiten. ISBN: 3492275249

Stefan  Beuse: Gebrauchsanweisung für Hamburg

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In das Herz der Hanseaten soll diese Gebrauchsanweisung für eine Stadt führen, die viel mehr ist als nur Deutschlands zweitgrößte Metropole oder Europas zweitgrößter Hafen - Hamburg, die schöne Kühle aus dem hohen Norden. Wie auch die Stadt sind die Einwohner als distanziert und unterkühlt verschrieen, und haben unter dem hanseatisch-dunkelblauen Jackett doch ein großes Herz, das nur für eine einzige Schönheit schlägt - ihre Heimat nämlich. Warum das so ist, was den Hanseaten an sich prägt, weshalb etwas britisches Understatement nie verkehrt ist, und wie Elbe und Alster den Einwohner der Stadt mit den meisten Brücken Europas verzaubern, das will Stefan Beuse, selbst Zugereister (oder auch "Quiddje" genannt), mit seinem Büchlein erkunden.

Schon zu Beginn verkündet er, keinen klassischen Reiseführer verfassen zu wollen, aber an den schieren Fakten kommt auch der Schriftsteller nicht vorbei, etwa zum Bau des Rathauses, oder der Geschichte von Hagenbeck. So manche Institution und Faszination seziert Beuse mit dem nicht immer freundlichen Blick des Außenstehenden. Das wäre verzeihlich, wären seine Fakten korrekt - aber leider unterlaufen ihm kleine wie große Fehler bei der Analyse der Nordlichter. Bitte: Willy Millowitsch im Ohnsorg-Theater? Niemand sagt mehr "moin" in der Hansestadt? Missingsch ist ausgestorben? Ich scheine in einer anderen Realitätsebene zu leben. Unterhaltsam dagegen wieder die tatsächlich historischen Exkurse, etwa zur größten Urkundenfälschungsparty Deutschlands, auch Hafengeburtstag genannt.

Kein einziges Mal taucht in diesem Reiseführer ein Kernbegriff hanseatischen Daseins auf: "gediegen". Das britische, das eppendorferische Hamburg wird zelebriert, das portugiesische oder türkische Hamburg ignoriert, das Dasein auf ein paar Pfeffersäcke und Werbefuzzis fokussiert, die die Innenstadt bevölkern. Nun ist der Tunnelblick (auch im wörtlichen Sinne, wenn es etwa um den neuen Elbtunnel geht) für einen Reiseführer angemessen, soll er doch dem Fremden ein Hamburg vermitteln, wie er es sich vorstellt und für liebens- und begehrenswert hält. Und tatsächlich vermittelt Beuse sehr viel von der hanseatischen Lebensart, von den Dingen, die dem alstersegelnden Lebemann Freude machen, von der starken Resistenz des Hanseaten gegen alles Protzige, gegen Schicki-Micki, und von dem, was Hamburg ausmacht - den ruhigen Oasen, der Gelassenheit der Einwohner, die man in kaum einer anderen deutschen Stadt so erleben kann, aber auch der Genauigkeit, mit der Hamburger ihren Tätigkeiten nachgehen - sei es beim alten hanseatischen Handschlaggeschäft oder dem Abschleppen von Falschparkern.

Dass er jedoch dem Hanseaten an sich nachsagt, nur ein geldgeiler Pfeffersack zu sein, bei dem es vor allem darauf ankommt, dass die Kasse stimmt, ist ein starkes Stück Nichtverstehen der hanseatischen Kaufmannstradition, die einfach eine Frage der Ehre und - auch das ein wichtiger Hamburger Begriff, der allerdings bei Beuse Eingang findet - Contenance ist.

Beuses kleine Reise durch die wichtigeren Stationen der Hansestadt ist - bis auf einige verzichtbare Kurzgeschichten, die weder stilistisch noch inhaltlich zum Thema relevantes beitragen können - eine augenzwinkernde Liebeserklärung an die (natürlich!) schönste Stadt Deutschlands, die Fremden viel von der Faszination Hamburgs vermitteln kann, und bildet schon deswegen eine hervorragende Ergänzung zu der großen Zahl von Büchern, die über die Elbmetropole geschrieben wurden.

Um aber wirklich in die Seele des Hamburgers einzutauchen - und dabei auch dessen Herz aus Gold zu entdecken - muß der Leser selbst nach Hamburg reisen. Dabei wird der eine oder andere Tipp aus Beuses Büchlein helfen, in weniger Fettnäpfe zu treten und sich dem Lebensgefühl der Kosmopoliten im Tor zur Welt anzunähern. Und wer dann auf dem Stintfang auf den Hafen im Abendlicht hinabblickt, weiß, der Autor hat ein gutes Werk getan - und sei es auch nur, weil er die Neugier geweckt hat auf diese Stadt, die so ganz anders ist als sie Reiseführerautoren beschreiben können.


(c) Petra Hildebrandt 2005ff






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