Paul Berman

Zappa meets Havel, 1968 und die Folgen

Sach. Rotbuch Verlag, ISBN: 3-88022-649-0

Paul  Berman: Zappa meets Havel, 1968 und die Folgen

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Paul Berman schreibt das Buch der 68er Generation, ihres Scheiterns und ihrer Verwirklichung

1976 wäre mein Konterfei fast im Schaufenster eines Schuhladens in Mährisch Ostrau gelandet. Leider hatte Anfang der Siebziger unsere Schule ein dementer Altkommunist übernommen, um - wie er sagte - "dieses Zentrum der Konterrevolution zu bezwingen." Der Direktor schaute sich mein Foto an, sagte, "du siehst aus wie Winnetou auf dem Kriegspfad", und ich flog von unserem Abiturbrett. Der Alte hatte mich glatt aus unserer Klasse zensiert. Die Portraits aller meiner Freunde hingen im Schaufenster, Hunderte von Mädchen strömten jeden Tag daran vorbei und bewunderten die frischen Abiturienten - so wie es bei uns der Brauch war - und verdammt noch mal! Ich fehlte dort! Wegen meiner langen Mähne.

Als im Westen nur noch Ozzy Osbourne und ein paar unbeugsame Hippies langes Haar trugen, ging es bei uns im Sozialismus mit der Haarpracht erst richtig los. Paul Berman, Journalist bei The New Yorker, New Republic und Dissident und ein Exachtundsechziger ergötzt sich in seinem Buch Zappa meets Havel daran, wie im Januar 1990 Frank Zappa in Prag ankam. Die alte Mother of Invention wollte die gerade samten gewordene Tschechoslowakei nach Jahrzehnten der wirtschaftlichen Stagnation retten - mit Hilfe von Tourismus, Handys und sogenannter magnetohydrodynamischer Technologie. Im Weinkeller des Gebäudes des Sozialistischen Jugendverbands wurde Zappa von seinen treuesten Fans begrüßt. "Sie sahen in ihrer Lederkluft und mit ihren wirren Haarfrisuren aus wie Höhlenbewohner", schreibt Berman. "Es waren Hippies von 1968, die sozusagen in Bernstein konserviert worden waren."

Aus solchen Beobachtungen im Böhmen der samtenen Revolution folgert Berman, daß die Tschechen dem alten unsinnigen Mythos verfallen waren von Amerika als dem Befreier der Welt. Und das ungeachtet "des Nebels und Schlamms der amerikanischen Demokratie". Doch die Verehrung des Amerikanischen durch manche Tschechen hatte meiner Meinung nach einen viel prosaischeren Grund als den Glauben an Amerikas Berufung, uns zu befreien. So wie die Leute aus dem tschechischen Underground Frank Zappa verehrten, verehrten unsere modebewußten Hausfrauen die Burda-Zeitschrift - verbotene Früchte schmecken nun mal am besten. Und auch der großartige Zappa-Empfang täuscht. Zur Zeit des Sozialismus kannten Zappa nur wenige. Gott der meisten Tschechen hieß nicht Frank, sondern Karel. Von wegen undifferenzierter Verehrung "unserer (amerikanischer) Rockfürsten, unserer drittklassiger Politiker und törichter Botschafterinnen!" Ha! Sogar ich wußte schon während meiner Sozialismus-Zeit, daß Reagan als Schauspieler nur Arschlöcher hatte spielen können, und als Präsident endgütlig eines geworden war.

Der Anfang von Zappa meets Havel regte mich genauso auf - als Berman das Jahr 1968 zu ergründen versuchte. Hatten die Anführer des größten Generationskonfliktes der Menscheitsgeschichte tatsächlich an einem "Illegitimitäts-Komplex" gelitten? Viele der Studentenführer stammten laut Berman aus jüdischen Familien, ihre Eltern hätten eine KZ- und Kampferfahrung gegen die Nazis hinter sich gehabt. "Sie (die Studenten) wußten, daß sie Kinder von Helden waren, von Menschen, die gelitten hatten. .... Die Kinder erhielten alles, was die Eltern hatten vermissen müssen: Komfort, Frieden, Sicherheit, Demokratie, Bildung, Lebenschancen." Dagegen hätten sie sich laut Berman mit ihrer Revolte aufgelehnt. Aber gegen diese Behauptunge wollte wieder ich revoltieren: War die Welt in den Sechzigern nicht noch viel beschissener als die heutige? Muß man eine soziale Regung immer tiefenpsychologisch deuten? Wollten die Studenten damals nicht einfach den Muff von Tausend Jahren lüften, weil sie darin zu ersticken glaubten? Hm... das bestreitet Berman ja gar nicht. Er fragt nur, warum gerade diese Studenten die Sau so massiv durchs Dorf trieben.

Im ersten Teil seiner politischen Reise tourt Berman mit der amerikanischen Linken durch das Jahrhundert, er zeigt, wie sie 1968 in der Studentenbewegung gipfelte und wie diese Bewegung anschließend an ihrer eigenen Radikalität zerbrach. Fast überall hissten die Revoluzzer Flaggen aus der Steinzeit. Die studentische Linke löste sich in Mao- oder Kim-Il-Sung-Kultismen auf, in Guerillero-Gruppen oder aber endete wie in Mexiko in einem von der Armee durchgeführten Massaker.

Obwohl laut Berman die 68er-Revolution politisch gescheitert war, ermöglichte sie doch das Aufkommen der Schwulen-Bewegung. Mit dem Kampf der Homosexuellen für ihre Gleichberechtigung beschäftigt sich der zweite Teil des Buches. Dazu sage ich nichts, da ich da keine Erfahrung habe. Oder doch: In der sozialistischen Tschechoslowakei, in der ich 26 Jahre lebte, gab es keine Homosexuellen. So mußte man ihnen keine Rechte einräumen... Tja, irgendwann lernt man doch die hiesige liberale Demokratie zu lieben, auch wenn ihr einer wie Kohl sechzehn Jahre lang zuheizen darf und in ihr viele andere Entgleisungen möglich sind. Aber die kriegen wir mit der Zeit schon hin, oder?

Im dritten Teil des Buches trifft Zappa endlich Havel. Wir schreiben das Jahr 1990, und die Radikalität der Achtundsechziger ist dahin. Mit fortschreitendem Haarausfall wird ein Linksradikaler liberal-demokratisch (bis auf ein paar traurige Ausnahmen). Und hier haute mir Berman noch einmal den Hammer auf den Kopf: Die 68er Revolutionen hätten erst in den liberal-demokratischen Revolutionen des Jahres 1989 ihre Vollendung gefunden. Sollte ich mich wieder aufregen? Doch ich war schon gefangen, ich war im Banne des Buches: Fakten, Fakten, Fakten, hin und wieder eine gewagte These, und das alles in eine gemütliche Sprache verpackt. Irgendwann hat mich Zappa meets Havel ganz betört! Wie ein guter Freund! Zuerst haßt du ihn, dann liebst du ihn. Wann kannst du schon so etwas von einem politischen Sachbuch sagen?

Trotz meiner Liebe reizte mich die Lektüre ständig, den Autor selbst zu analysieren. Wie hat sich dieser Achtundsechziger gewandelt? Gott sei Dank ist Berman nicht einer von denen, die 1968 die Welt mit Ho-Chi-Minh und Onkel Mao retten wollten und jetzt mit Nation und Religion oder mit hirnrissigen Ideen von der Art: Man müsse zuerst sich selbst vervollkommen, bevor man sich an die Verbesserung der Gesellschaft heranmache. Auch Berman ist ein liberaler Demokrat (nicht mit FDP verwechseln!) geworden. Wenn du nun mal über dreißig wirst, mußt du deine Meinungen besänftigen, sonst dürftest du dir ja gar nicht trauen. So hart waren die Parolen damals.

Berman schließt sein Buch mit dem Rückblick auf das Ende der Geschichte. Nicht nur, daß die Radikalen von damals liberal-demokratisch wurden, es passierte im Herbst 1989 sogar ganzen Ländern. Da blieb dem konservativen Francis Fukuyama nichts anderes übrig, als - durch Hegel gestützt - eine These aufzustellen: Die liberale Demokratie sei das Ende der Geschichte. Aha! (Gott! Gib mir noch ein paar Zeitungszeilen, damit ich den Fukuyama verreißen kann!) Gegen Fukuyama streitet in diesem letzten Kapitel der entmaoisierte Achtundsechziger André Glucksmann mit seiner Kaleidoskop-Theorie: Die Dinge verändern sich, ohne je bei irgendeiner speziellen Ordnung anzukommen. Es werde nie ein endgültiges Gesellschaftssystem geben. Da Berman ein Kritiker ist und kein Philosoph, wie er selber sagt, erscheinen ihm beide Botschaften einigermaßen wahr. Warum? Das verrate ich nicht. Ich hoffe, die Neugier spornt euch an, Bermans Buch zu lesen und mir darüber begeisterte Briefe zu schreiben.

(Jaromir Konecny)

Erstveröffentlichung: Die Tageszeitung junge Welt

Paul Berman: Zappa meets Havel, 1968 und die Folgen - eine politische Reise, Rotbuch Verlag

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