Katja Behrens

Die Vagantin

Bestseller. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main. ISBN: 3-100-46312-9

Katja  Behrens: Die Vagantin

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  Historische Romane werden zur Zeit in großen Mengen auf den Markt geworfen. Sie versprechen dem Leser Geschichte als üppiges Gemälde, das genußvolle Eintauchen in eine ferne Zeit.

Auch Katja Behrens führt uns siebenhundert Jahre zurück in die Zeit der Kreuzfahrer. Ritter Konrad zieht davon ins Heilige Land, während Laura, seine Frau, unter der Fuchtel eines weiberhassenden Paters verkümmert. Laura erträgt die Erniedrigung nicht, und als sie hört, Konrad sei in Konstantinopel gefangen, zieht sie allein, in Männerkleidern, los, ihn zu suchen. Auf ihrem langen Weg durch Europa und übers Meer lernt die Burgherrin das Leben von unten kennen, in Gesellschaft der Landstreicher und Räuber, der Ketzer auf der Flucht vor der Inquisition, der verfolgten Juden. Am Ende findet Laura tatsächlich ihren Konrad, allerdings anders, als erwartet: in hoher Stellung am Kaiserpalast von Konstantinopel, mit einer schönen jungen Frau.

Katja Behrens entwirft in der Vagantin ein farbiges Bild des mittelalterlichen Europa, beglaubigt durch eine reichhaltige Beschreibung des Alltagslebens. Sie erzählt sehr subjektiv aus der Sicht ihrer Figuren. Doch aus deren Vielfalt ergibt sich ein umfassender Eindruck der Epoche. Die schönsten Farben holt Katja Behrens aus schichtenspezifischem Sprachmaterial, dem Wortschatz der Landfahrer, der Juden, den sie in ihre geschmeidige Prosa einbaut. Aber sie begnügt sich nicht damit, ein Historienbild zu malen. Die Opulenz ist nicht Selbstzweck. Lauras Geschichte hat eine Parallele in der Gegenwart, die Geschichte des Türkenbankerts Aische. Aisches Vater, ein Türke, hat die Mutter verlassen, die ganz dem Alkohol verfallen ist. Wie Laura flieht Aische aus der Enge eines trostlosen Lebens und zieht durch Europa nach Istanbul, um den Vater zu suchen. Auch Aische bewegt sich unter den Ausgestoßenen der Gesellschaft, Landstreichern, Zirkusleuten, Nutten, Kneipenvolk, auch sie findet am Ende ihrer Reise etwas anderes als das, was sie sucht.

Ganz leicht, oft unmerklich wechselt der Roman von der einen Zeitebene in die andere, von Laura zu Aische und wieder zurück, über die Gleichheit eines Ortes etwa, eines Geruchs oder einer Empfindung, ohne daß Aische und Laura ihre zeitgebundene Identität verlieren würden. Es entsteht der Eindruck der Zeitlosigkeit, des Allgemeingültigen: so ist das Frauenschicksal, so das Elend der Welt.

Die Vagantin ist ein weiblicher Entwicklungsroman, eine lange Erkenntisreise, eine Wanderschaft vor allem nach innen: der Aufbruch aus unerträglicher Abhängigkeit ins Ungewisse, Gefährliche, wobei alles ins Wanken gerät, was man bisher für unumstößlich gehalten hat, auch die Religion. Laura erlebt im Morgenland die christlichen Kreuzfahrer als Räuber und Schlächter. Der erlernte Glaube erscheint barbarisch. Was ist das für eine Kirche, die verlangt, dem Vater im Himmel gehorsamer zu sein als dem eigenen Herzen? Abraham soll seinen Sohn Isaak opfern - was ist das für ein Gott, der so etwas verlangt? Keine Religion ist besser als die andere, es gibt keine absolute Wahrheit, angesichts des allgemeinen Elends ist Toleranz die einzig menschliche Haltung.

Laura und Aische finden zwar die Männer, die sie suchen, den Vater und den Ehemann, Aische auf der Suche nach Schutz, Laura auf der Suche nach Erfüllung; aber ihre Hoffnung wird enttäuscht, ihr Männerbild ist eine Illusion und kann den Erwartungen nicht genügen. Das ist aber gar nicht mehr so wichtig. Auf der langen Reise haben die Frauen gelernt, ihrem eigenen Gesetz zu folgen. Die Freiheit, auch wenn sie hart und zehrend ist, lockt mehr als die Enge der Sicherheit.

Von einer Freundin bekommt Aische ein Buch mit auf den Weg, ein Buch mit leeren Seiten, zum Schreiben. ..wenn du nichts und niemanden mehr hast, dann hast du immer noch deine Sprache. Die Sprache ist die einzige Zuflucht, die bleibt. Die erzählende Frau hört erst einmal anderen zu, bevor sie schreibt. Wie Aische hat auch Katja Behrens selbst in ihrem Buch Lebensgeschichten anderer gesammelt (so viele, daß sie Gefahr läuft, sich darin zu verlieren), die Welt aus dem Blickwinkel der Benachteiligten, voll Hunger, Alkohol, Krankheit und Obdachlosigkeit, und doch voll Lebenslust und Lebensgier: wenn auch alles verloren und mißlungen ist, Hauptsache, man ist noch da. Ein vagabundierender, mit ausufernder Leidenschaft erzählter Roman.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Augsburger Allgemeine)






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