Brigitte Baumeister

Pollok und die Attentäterin

Bestseller. Klett Cotta, Stuttgart. ISBN: 3-608-93525-8

Brigitte  Baumeister: Pollok und die Attentäterin

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Eine Erinnerung: Jonas, der Sohn, im Kinderbett, wie sie, die Mutter, ihm vorlas und er vom Wunschpunkt `Und dann müßte´ sich vortastete zu einer anderen Geschichte, die sie dann in die Sätze des Buches hineinmischte, _nie mehr ... so erfinderisch beim Lesen und angespornt durch Zuhören wie damals._

Es geht ums Erzählen in Brigitte Burmeisters neuem Buch, um das vielschichtige Verhältnis von Autor und Leser, um den gleitenden Wechsel von Realis zu Irrealis und wieder zurück. Erfinden ist eine Wette auf die Wirklichkeit.

Die Ich-Erzählerin geht diese Wette eher zufällig ein. Die ehemalige Slawistikdozentin, zu DDR-Zeiten von ihren Studenten liebevoll Karenina genannt, jetzt arbeitslos in ihrer Berliner Wohnung sich langweilend, trifft auf der Straße Ines, ihre Lieblingsstudentin. Ines ist jetzt bei der Zeitung und mit Haut und Haar den neuen Zeiten angepaßt (_es geht auch ohne die Gemütlichkeit von früher_). Ines gibt ihr Einblick in Notizen zu einer Fallrecherche. Karenina liest zunächst mit den prüfenden Augen der Dozentin, wobei ihr auffällt, wie bedenkenlos Ines das Faktengerüst mit Erfindungen und eigener Lebenserfahrung füllt. Bald beginnt sie selbst das gleiche Spiel. Sie setzt die Geschichte vom eigenen Wunschpunkt aus in ihrem Sinne fort, die Figuren verselbständigen sich aus ihrer Phantasie, ein Roman entsteht. Ab und zu holt sie sich bei Ines neue Stichworte ab.

Der Fall, soweit von Ines recherchiert: Die Buchhändlerin Roswita Sanders, ein angenommenes Kind und auf der Suche nach dem Vaterhaus, verliebt sich in Jan Pollok. Pollok arbeitet als Ghostwriter an der Autobiographie des aus der DDR stammenden, inzwischen sehr erfolgreichen Industriellen Karl Innozenz Weiss. Roswita ist überzeugt, in Weiss ihren Vater gefunden zu haben. Eines Tages verschwindet Pollok spurlos. Das Weiss-Buch, mit großem Pomp publiziert, erweist sich in Teilen als gefälscht: Weiss war dem DDR-Regime mehr verhaftet, als er im Buch zugibt, und hat als Denunziant zwei Menschen ins Gefängnis gebracht. Er hat auch seinen Ghostwriter getäuscht. Pollok (im Untergrund) arbeitet jetzt an der Gegendarstellung. Aus Enttäuschung über das zerbrochene Vaterbild schießt Roswita, die Attentäterin, auf sein Haus und die Porzellansammlung, an der sein Herz hängt.

Dieses Gerüst ist das Material, das auf verschiedenen Ebenen erzählerisch bearbeitet wird. Ganz buchstäblich wird es als Papierstapel ein- und ausgepackt und hin- und hergetragen. Jeder macht etwas anderes daraus. Der Fall spielt aber auch in die Realität der Erzählerin hinein: das Weiss-Buch wird in der Zeitung besprochen, Ines verliebt sich in Pollok, Roswita erscheint leibhaftig in einer Buchhandlung. Die Realität reibt sich am Erfundenen, die Wette geht nicht auf. Am Ende fühlt sich die Erzählerin auf die Wirklichkeit gestoßen wie gegen eine Mauer. Ines wirft ihr Vampirismus vor, fühlt sich ausgesogen. Der unterschiedliche Umgang mit dem Stoff führt zum Bruch zwischen den beiden Frauen.

Für jeden von uns ist Wirklichkeit das, was wir wahrnehmen und so, wie wir es wahrnehmen, sagt Brigitte Burmeister in einem Interview. Wiedergabe ist Sicht. Diese These wird auf allen Ebenen, an der Person Roswitas (Die Umwelt erschien ihr als ihr Echo, und der Mann, den sie liebte, als Teil ihrer selbst), vor allem aber am Buch im Buch durchgespielt, an der von Weiss mit Material belieferten, jedoch von Pollok geschriebenen Weiss-Autobiographie. Wie sieht Weiss´ Wahrnehmung in Polloks Bearbeitung aus, was hat Pollok von anderen abgeschrieben, was ist Polloks eigene Sicht und Sprache? Was ist Realität, was Fiktion? Und wer hat die Fiktion fingiert - Weiss oder Pollok? Angesichts der vielfältigen Brechung der Wirklichkeit in der Darstellung, von der subjektiven Sicht bis zur bewußten Fälschung, macht sich beim Leser ein tiefes Mißtrauen breit gegenüber dem Text, aber auch gegenüber der eigenen Wahrnehmung. Nichts ist festgelegt, alles kann jederzeit angezweifelt und anders gesehen werden; ein hochkomplexes Wechselspiel von Verschlüsseln und Entschlüsseln, worin dem Leser mit dem Borges-Zitat, daß die guten Leser noch geheimnisvollere und seltenere Vögel sind als die guten Autoren, eine wichtige Rolle zugewiesen wird. Die eigentliche Aufmerksamkeit beim Lesen gilt also dem Wie des Erzählens, während Handlung und Figuren in blasser Distanz gehalten sind.

Brigitte Burmeister, Romanistin und vom Nouveau Roman geprägt, hat schon mit den formalen Experimenten ihres ersten Buches, Anders oder vom Aufenthalt in der Fremde (1987, noch vor der Wende erschienen) die Leser herausgefordert. Unter dem Namen Norma (1994) wurde begeistert aufgenommen, vor allem wegen der klugen Behandlung der deutsch-deutschen Beziehungen. Diese sind Thema auch in dem neuen Buch. Ihre Komplexität spiegelt sich in der Komplexität des Textes. Je nach Standpunkt und Geschichte wird jeder Leser, der Poetik der Autorin entsprechend, eine andere Wirklichkeit entschlüsseln.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Süddeutsche Zeitung)






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