Carmen-Francesca Banciu

Vaterflucht

Bestseller. Volk und Welt, Berlin. ISBN: 3-353-01126-9

Carmen-Francesca  Banciu: Vaterflucht

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Nichts taugst du. Nichts wird jemals aus dir. Und niemand wird dich heiraten. Die Lippen des Vaters sind wie Scherenblätter, seine Anforderungen von äußerster Strenge. Vater, Mutter und Tochter sollen eine exemplarische Familie sein, Mitglieder in der Rumänischen Kommunistischen Partei, Vorbilder im Klassenkampf zum Wohle des Vaterlands. Mit aller Gewalt wird aus der Tochter der Neue Mensch geformt, dem die Zukunft gehört; dafür opfern die Eltern sich auf. Frivolität ist verpönt. Der Vater ist ein Pflichtmensch, der die Partei im Blut hat, und wenn die Tochter die Erwartungen nicht erfüllt, schlägt er den Neuen Menschen mit dem althergebrachten Riemen. Auch die Mutter schlägt, sie streichelt nie. Ertragen, Beherrschen, Überwinden sind ihre Maximen, und der Rat an die Tochter: Liebe nicht.

Carmen-Francesca Bancius Vaterflucht beginnt mit einem Wiedersehen. Die Tochter, die Erzählerin, längst erwachsen und seit sieben Jahren im Westen, kommt zurück nach Rumänien. Die Mutter ist tot, die Mauer zwischen Ost und West gefallen. Wie kann sie dem Vater begegnen?

Das Wiedersehen gibt der Erzählerin Anlaß, Bilanz zu ziehen. Wie sollte sie werden, wie ist sie geworden? Als Kind wählte sie den Weg der Anpassung an die Erwartungen der Eltern, die gleichzeitig die Erwartungen der Partei waren. Mit sechzehn, kritischer geworden, wurde sie von der Securitate quälenden Verhören unterzogen. Jahrelang hatte man sie bespitzelt, man kannte sie in- und auswendig bis in die intimsten Bereiche. Der Vater, ihretwegen degradiert, sprach mit ihr kein Wort mehr. Sie verließ erst die Wohnung, später das Land. Die Vaterflucht ist zugleich eine Flucht vor der politischen Diktatur.

Die Tochter möchte aber auch die Motive der Eltern verstehen. Die Mutter war im Grund ein einsames verwundetes Wesen, angespannt, von furchtbaren Kopfschmerzen geplagt. Der Vater, aus einfachen Verhältnissen, fühlte sich der Partei für seinen Aufstieg zutiefst zu Dank verpflichtet. Jetzt, nach dem Ende des Sozialismus, versteht der Vater die Welt nicht mehr; dafür versteht ihn die Tochter besser. Die Begegnung hat also Chancen. Sieben Jahre sind eine gute Zeit. Eine Zeit der Erneuerung. Des Vergebens.

C.-F. Banciu schreibt von eigenen Erfahrungen. Sie ist 1955 in Rumänien geboren und lebt seit 1990 in Berlin. Unter Ceausescu waren ihre Bücher jahrelang verboten. Vaterflucht ist ihr erstes auf Deutsch verfaßtes Buch. Ihr lakonischer Stil erinnert manchmal an Herta Müller, deren Schreiben ebenfalls vom Leben unter der Diktatur geprägt ist. Der Druck des Systems, Verdrängung und Verstellung, die allgegenwärtige Bespitzelung machen ausgreifend schilderndes Erzählen wohl unmöglich. Eigene Gefühle werden kaum benannt. Wie ein Refrain kehren die Erziehungsmaximen der Eltern wieder. Manchmal gerät der Fluß der Sätze ganz ins Stocken, Punkte trennen ein Wort vom andern.

Einige wenige Bilder setzen Akzente. Die Scherenlippen und die gläsernen Augen des Vaters. Der erstickende Schleier, der politische Wahrheiten vernebelt. Vieles bleibt undurchschaubar. Wenn der Vater vom neuen Präsidenten spricht, dem Hoffnungsträger, jung und schön, er heißt Nicolae Ceausescu, dann entsteht die makabre Ironie erst durch das Wissen des Lesers.

Der Roman bietet eine interessante Innenansicht Rumäniens in der Zeit nach 1945, einer Insel von Latinität in einem Meer von Slawismus. Alles Schlimme kommt von Osten, hat es dort schon immer geheißen, jetzt sind damit die Russen gemeint. Nach der Enttäuschung von Jalta warten manche noch immer auf die Amerikaner. Viel tiefer als im Kommunismus ist die Bevölkerung in ihren Vorurteilen gegen die Minderheiten im Land verankert, gegen Serben, Zigeuner, Juden, obwohl es kaum einen hundertprozentigen Rumänen gibt in diesem Schmelztiegel au Porte de l´Orient. Mit Liebe gezeichnet ist die Großmutter, Weltbürgerin aus k.u.k.-Zeiten, die an Gott glaubt und eine Suppe kocht, die spricht sieben Sprachen.

Irgendetwas muß dran sein an diesem spannungsreichen Land mit den ständig wechselnden Grenzen, daß es Sprachbegabungen in Fülle hervorbringt, von Paul Celan und Rose Ausländer bis Mircea Dinescu und Herta Müller. Carmen-Francesca Bancius Talent ist auf fruchtbarem Boden gewachsen.

Eva Leipprand






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