Matthias Altenburg

Die Toten von Laroque

Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 125 Seiten. 6.90 EUR . ISBN: 3-4620-3321-2

Außen hui, innen pfui
Matthias  Altenburg: Die Toten von Laroque

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Analytisch und emotionslos beschreibt der Ich-Erzähler von Altenburgs Roman wie er zum Vergewaltiger und gar zum Mörder geworden ist, gerade so, wie andere Leute vom morgendlichen Brötchenkauf erzählen. Finden wir das nun „interessant, interessant, in der Tat“, oder schlichtweg ekelhaft?

Außen hui

Der ‘Held’ von Matthias Altenburgs neuem Roman steigt irgendwo im Süden Frankreichs aus dem Auto, setzt sich in eine Kneipe am Marktplatz und beobachtet die Umgebung. Er hat einen genauen Blick für Dinge, auch die ganz kleinen, und Personen – gleichgültig, aber doch nicht so überdrüssig, dass er wegschauen würde, irgendwie doch neugierig. Sichtweise und Schreibstil ziehen einen beim Lesen bereits nach wenigen Zeilen in ihren Bann.
Die Sichtweise passt bestens zu unserem Helden: Er hat von seinem Job (Lehrer), seiner Heimat (Deutschland), seiner Frau und von allem anderen gründlich die Schnauze voll und ist abgehauen:

»Ich war einfach losgefahren, ohne zu wissen wohin, nur mit ein wenig Geld, einem Bündel Schecks und ein paar eilig zusammengesuchten Kleidungsstücken. Unterwegs hatte ich noch einen Freund angerufen, ihn gebeten, einige Dinge für mich zu regeln und versprochen, mich in Kürze wieder zu melden, das war alles.«

Da sein Auto den Geist aufgibt, bleibt er notgedrungen länger in dem Örtchen, und weil es dort nicht viel zu tun gibt, betrinkt er sich in regelmäßigen Abständen und lässt seine Gedanken schweifen.

»Breit und schwarz begleitete [der Fluss] meinen Weg. Ich meinte sein gleichmäßiges Rauschen zu hören und stellte mir vor, wie er schwer in seinem Bett dahinströmte, unaufhörlich durch die Jahre und Zeiten, vorbei an den Dörfern und Städten, unter Brücken hindurch, auf denen die Menschen zu ihm herunterschauten, wie er das Blut der Toten aufnahm und die Tränen der Liebenden und wie er alles mit sich forttrug, in die Sümpfe der Camargue und ins Meer, wo sein Wasser sich mischte mit dem Wasser anderer Flüsse, anderer Meere, und wo doch immer etwas übrigblieb von ihm, weil nichts ganz verloren geht, selbst wenn es längst von allen vergessen ist.«

Er verliebt sich in zwei Frauen, analytisch und unberührt auch sich selbst beobachtend, als ob nicht nur die Außenwelt, sondern auch, als ob er selbst sich nichts anginge.

Innen pfui

Und schließlich wird er im Vollrausch doch noch aktiv: Er vergewaltigt eine der beiden Frauen und bringt sie dann wahrscheinlich gar um (so genau kann er sich am nächsten Tag nicht mehr erinnern). Und siehe: Die „geheimnisvoll-flirrende Atmosphäre aus Erotik, mediterraner Trägheit und plötzlich hervorbrechender Gewalt“, wie es der Klappentext lapidar nennt, geht unserem Helden immer noch am Arsch vorbei. Er beobachtet, emotionslos, unbeteiligt, gerade so, als hätte all das mit ihm selbst genausowenig zu tun wie die Massenvergewaltigung in Laroque während des zweiten Weltkriegs, an der sein Vater beteiligt war –rein gar nichts.
Keine Emotionen, keine Message. Und schließlich stellt sich der Erzähler am Ende des Buchs die gleiche Frage, die sich auch der Leser stellt:

»Wenn ich später die Geschichte dieses Sommers erzählte, fragte man mich manchmal, was das alles zu bedeuten habe. Ich wusste keine Antwort darauf. Ich konnte es nur so erzählen, wie es gewesen war. Und ich wusste, dass ich genauso gut eine andere Geschichte aus einem anderen Sommer hätte erzählen können.«

Um was handelt es sich nun bei diesem Buch? Um den Versuch der akribischen Herleitung eines Verbrechens? Um einen verstecken Aufschrei gegen die Scheißegalitis in der Welt? Um den Versuch einer Anatomie der männlichen Psyche?
Sicherlich, das Buch regt zum Nachdenken an, zu einem Nachdenken allerdings ohne Ergebnis. Was herauskommt, ist lediglich ein unangenehmer Nachgeschmack – oder besser gesagt: Ekel. Vor der Welt? Vor der Gleichgültigkeit? Oder vor Matthias Altenburg?

Matthias Altenburg, geboren 1958, Schriftsteller, Kritiker, Essayist. Veröffentlichungen in 'Der Spiegel', 'Die Zeit', 'Die Woche', 'Stern', 'SZ-Magazin', sowie in Hörfunk und Fernsehen. Seine weiteren Buchtitel: ‚Die Liebe der Menschenfresser’ (1992), ‚Landschaft mit Wölfen’ (1997), ‚Irgendwie alles Sex’ (2002).

Dieter Lohr




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